Bel_Gef_02-3Nach einer fast 1 jährigen Schaffenspause melde ich mich nun zurück, auch mal nicht an einem Montag. Da ich momentan voll in der Werksarztarbeit bei „Iglo Fischstäbchen“ in Bremerhaven stecke und in diesem Jahr mein eigenes Werksarztzentrum mit mehreren Mitarbeitern gegründet habe, macht meine Männergesundheitsarbeit eine kleine Durststrecke durch. Trotzdem möchte ich Ihnen heute mal wieder einen frischen Beitrag „liefern“, weil ich wieder Lust aufs Schreiben habe.

Mich beschäftigt seit längerem das männliche Durchhalten bei der Arbeit und insbesondere das Belastungs-Beanspruchungs-Konzept, die Grundlage jeglicher Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen. Diese ist seit geraumer Zeit Pflicht für jedes Unternehmen und wird nach meiner Einschätzung bislang nur sehr schleppend in Betrieben durchgeführt. Die ehrliche Betrachtung mit dem vollen Willen der nachträglichen „Veränderungsumsetzung“ würde so manches Unternehmen vor einen massiven Wandel stellen.

Kurz aber nun zum Konzept, zur Gefährdungsbeurteilung und dann zum Zusammenhang zur Männergesundheit. Einfach gesagt, das Konzept stellt die Belastungen der Arbeitswelt in einen Zusammenhang mit den individuellen Beanspruchungen der Menschen. In der Gefährdungsbeurteilung geht es detailliert nun darum, welche beruflichen Belastungen rein objektiv betrachtet den Menschen beanspruchen. Es gibt dabei verschiedene zu betrachtende Kategorien:

Arbeitsaufgabe (Überforderung, Unterforderung, fehlender Handlungs- und Entscheidungsspielraum, unklare oder sich widersprechende Anweisungen / Arbeitsabläufe, unzureichende Informationen, Qualifikation)

Arbeitsorganisation (Zeitdruck, häufige Unterbrechungen, Schnittstellenprobleme, Arbeitszeit, Alleinarbeit, hohe Verantwortung bei geringem Entscheidungsspielraum, unklare Kompetenzen und Verantwortlichkeiten)

Arbeitsumgebung / Arbeitsmittel (Arbeiten unter… Lärmbedingungen, unzureichender Beleuchtung, unzureichenden klimatischen Bedingungen, ergonomisch unzureichender Arbeitsplatzgestaltung bzw. mit unzureichenden Betriebsmitteln, sowie Tätigkeiten unter besonderen Gefahren)

Soziale Faktoren (Gruppenverhalten, Zusammenarbeit, soziale Kontakte, Rückmeldung wie Anerkennung oder Kritik, Führungsstil/-verhalten)

Der Mensch bringt meist folgendes mit und wird hierdurch unterschiedlich beansprucht:

Gesundheit
Alter
Geschlecht / Gender
Körperliche Konstitution / Allgemeinzustand

sowie…

Motivation
Fähig- und Fertigkeiten
Erfahrungen
Kenntnisse                                                                            
Einstellungen / Werte
Bewältigungsstrategien

Treffen diese beiden, die gestellte Belastung und die individuelle Beanspruchung aufeinander wird es spannend oder nennt sich einfach nur Arbeitswelt. Vielen betrieblichen Akteuren fällt die Betrachtung dieser Faktoren äußerst schwierig, weil es meist „weiche“ Faktoren sind, die hier rein objektiv bewertet werden müssen. Durch das verpflichtende Ausschalten der Subjektivität wird der gesamte Prozess dieser besonderen Gefährdungsbeurteilung sehr aufwendig und komplex oder auch einfach nur „abgewöhnungswürdig“.

Was soll nun dieser kleine Ausflug hier. Sie kennen mich vielleicht schon ein wenig und ich bin ja stets gerne ein Komplexitätsreduzierer. Und meiner Meinung nach landen wir immer wieder bei dieser doch so einfachen Schubkarrenzeichnung. Oder einfach beim Spruch „Der eine packt es, der andere nicht!“ Und warum nun die männerspezifische Betrachtung? Mir fehlt in all diesen Debatten um das Konzept und die Gefährdungsbeurteilung die Genderperspektive, die meiner Meinung nach existentiell in der Betrachtung des „Problems“ ist. Da wir Männer immer noch die Arbeitswelt, gerade in den Führungspositionen dominieren (was ich hiermit nicht gutheißen möchte), spielen unsere Werte und Rollenbilder eine nicht unwichtige Bedeutung in der Betrachtung.

Aus meiner bisherigen Männererfahrung, wird so häufig die Belastung mit der eigenen Beanspruchung gleich gesetzt. Wenn ich in Gesprächen im betrieblichen Alltag so etwas anspreche, können viele Männer hier überhaupt keinen Unterschied erkennen. Ich höre dann häufig nur: „Wieso, die Arbeit muss doch gemacht werden?!“ oder „Das ist halt so!“ oder „Wir sind hier doch nicht auf einem Wunschkonzert!“ oder „Projektarbeit verlangt das einfach!“ oder „Man muss da halt durch!“. Ich frage dann meist immer etwas direkt provokativ „Man(n) oder Sie/Du?“. Hier findet sich die schon häufig hier beschriebene Externalisierung der männlichen Gefühle. Indem der Mann von sich als „man“ und nicht als „ich“ spricht, zeigt sich eine meist ungewollte Distanzierung zur eigenen Befindlichkeit. Dies hat dann wiederum mit dem innerlichen Konflikt zwischen der gestellten Aufgabe (BeLastung) und dem eigenen Können (BeAnspruchung) zu tun. Würde er die Last mehr infrage stellen, würde sein Selbstbild, welches sich sehr aus der Säule Arbeitswelt speist, massiv zu schwanken beginnen und den eigenen Anspruch ins Leere laufen lassen.

Unser altes Männerrollenbild bröckelt ja nun schon seit über 30 Jahren und ist doch noch im heutigen Arbeitsleben so präsent. Attribute wie Durchhaltevermögen, Stärke, Robustheit, Fach- und Sachlichkeit und vor allem Erfolg machen doch immer noch ein „erfolgreiches“ Unternehmen aus. Die Männerrolle hat die Arbeitswelt massgeblich geprägt. Selbst die Frauen, die es nach oben schaffen, sind teils männlicher als männlich (dies nur mein Eindruck aus den letzten Jahren in Betrieben).

Ein Beispiel. Mich hat vor kurzem mal wieder ein Mann „mitgenommen“ und tief beeindruckt. Er arbeitet seit Jahren körperlich als „Werker“, hat das Arbeiten unter den alten Meistern gelernt („…immer weiter, weiter!“) und konnte nun nicht mehr. Bandscheibenvorfall. Dann Reha. Dann stufenweise Wiedereingliederung und dann im Verlauf völlig aufgelöst beim Chef. Dieser hat mich kontaktiert und um Hilfe gebeten. „Der ist so komisch. Weiß echt nicht, was der hat. Wirkt völlig neben der Spur.“ Ich habe mir dann den Mitarbeiter angesehen und in Ruhe sprechen können. Er zeigte Symptome einer Anpassungsstörung mit massiver Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes. Er hatte Angst davor, seine Schubkarre nicht mehr „wuppen“ zu können und aufgrund dessen, von den oberen Männer gekündigt zu werden. Nach einigen intensiven Gesprächen,  Besichtigung des Arbeitsplatzes und Beurteilung der noch möglichen Tätigkeiten, rutschte mir nur gegenüber dem Mitarbeiter raus: „Das ist Bullshit, das sie ihren Arbeitsplatz hier verlieren.“ Dies wiederholte dann auch noch einmal sein Chef laut und deutlich. Ein Mann, der all die Jahre mehr als seine Leistung gebracht hatte, nie im Leben einmal Nein gesagt hatte, atmete nun tief durch und „beruhigte“ sich in seinem gesamten Verhalten. Warum erzähle ich das nun. Der entscheidende Moment kam einige Wochen später, als ich ihn mal wieder bei mir sah. Er berichtete von seiner aktuellen Tätigkeit und grinste wie ein Honigkuchenpferd, als er mir mitteilte, das er zum ersten Mal auf der Arbeit NEIN gesagt hätte und das mit Mitte 50. Es wäre im schwer gefallen, dann aber doch leicht über die Lippen gegangen. Einfach ein „NEIN, …das mache ich jetzt nicht, lieber Kollege!“ Diesen Gesichtsausdruck habe ich noch jetzt vor mir. Ein echter Strahlemann, der seine mögliche Beanspruchung seiner momentanen Gesundheitssituation anpassen kann und zur Belastung mal NEIN sagen kann. Darum geht es doch, bei dieser ganzen Sache mit der Belastung und der Beanspruchung. Das macht die Arbeit als Werksarzt so toll, solch kleine aber doch großartige Veränderungen miterleben zu dürfen.

Wie immer wünsche ich Ihnen eine gesundheitliche Woche und vielleicht lassen Sie ja auch mal „Ihre Schubkarre“ stehen und sind nicht mehr das überforderte Rad sondern stehen am persönlichen Entscheidungsgriff und verändern ihre Lage nachhaltig.

Wir werden sehen, ob meine und die der anderen „Schreiblust“ in 2018 wieder etwas mehr Fahrt bekommt.