Two shepherd or cowboy riding a horse over the snowy mountains

In diesen Weihnachtstagen wird eine Neuverfilmung der Geschichten um Winnetou im Fernsehen gezeigt. Welches Bild von ,Männern’, ,Frauen’ und von so genannten ,Fremden’ bekommen wir zu sehen? Was werden wir dort in Bezug auf Geschlechtervorstellungen wahrnehmen und daraus schliessen?

Der Blick auf das Gegenüber, auf den oder die ,Anderen (Männer)’ ist ein bestimmtes Wahrnehmungsfenster, ein Ausschnitt, der auf unserem Wissen beruht, unsere Erfahrungen und Haltungen berücksichtigt. Was ist uns vertraut, erscheint selbstverständlich oder gar ,normal’? Der eigene Blick bzw. die eigene Perspektive entsprechen dabei einem Denken in eigenen Grenzen. Wie können wir mit den Grenzen unserer eigenen Wahrnehmung umgehen?

Im Rahmen meiner Arbeit und der Lehre zur Gesundheitsversorgung von ,Männern’ beschäftigen mich u.a. folgende Fragen: Wie kann ich den Umgang von ,Männern’ mit ,Gesundheit’ und ,Krankheit’ differenziert wahrnehmen und beschreiben? Welche Zusammenhänge zeigen sich zwischen dem Gesundheitshandeln von Männern und Männlichkeit(skonstruktionen)? Welches Wissen in Bezug auf Geschlecht und Männlichkeiten kann für die Beantwortung dieser Fragen hilfreich sein?

Geschlecht (,gender’) und Männlichkeiten (,masculinities’)

Es könnte lohnend sein, sich damit auseinanderzusetzen, mit welchen Konzepten von Geschlecht (,gender’) und Männlichkeiten (,masculinities’) wir ,unterwegs’ sind.

In den Gesundheitswissenschaften wird vermehrt auf Konzepte von Geschlecht (,gender’) und Männlichkeiten (,masculinities’) aus der Geschlechter- bzw. Männerforschung zurückgegriffen (vgl. Connell, 2015; Broom & Tovey, 2009). ,Gender’ gilt als ,soziales Geschlecht’ und ist das Ergebnis sozialer Praxen und Kontexte. Es wird durch soziale Interaktionen erlernt, hergestellt und gestaltet (vgl. MedUni Wien, 2014).

Für das Verständnis von Männlichkeiten ist u.a. das Konzept ,hegemonialer Männlichkeit’ von Raewyn Connell aus Australien (2015) hilfreich. ‚Männlichkeit‘ definiert sich demzufolge über die Abgrenzung zu ‚Weiblichkeit‘, als auch in Abgrenzung zu anderen untergeordneten oder marginalisierten Männlichkeiten (z.B. Männer mit einem Migrationshintergrund, Männer mit einem niedrigeren sozio-ökonomischen Status und ,homosexuelle Männer’). Da es mit diesem Verständnis verschiedene Männlichkeiten gibt, wird die Pluralform verwendet. ,Hegemoniale Männlichkeit’ bedeutet ein normatives Ideal, an dem sich Männer zur Herstellung und Absicherung von Männlichkeit orientieren (müssen), das aber nur wenige Männer repräsentieren (können). Als zentrale Elemente von ,hegemonialer Männlichkeit’ in westlichen Gesellschaften gelten die Aspekte ‚weiss‘, ‚heterosexuell‘, ‚stark (sein)‘, ‚selbstdiszipliniert‘, ‚berufszentriert‘ sowie ‚Familienernährer‘ (vgl. Wehner et al., 2015).

Männer, Gesundheit, Krankheit und eine Geschlechterperspektive

Anhand der Konzepte von Geschlecht (,gender’) und Männlichkeiten (,masculinities’) lässt sich zeigen, inwiefern ein Umgang von Männern mit Gesundheit und Krankheit als Resultat und Ausgestaltung von Männlichkeitskonzepten verstanden werden kann. Was bedeutet das? Männer handeln demnach nicht so, wie sie handeln (im Umgang mit ,Gesundheit’ und ,Krankheit’), weil sie ,von Natur aus’ Männer sind, sondern weil sie Männlichkeit herstellen und immer wieder neu beweisen müssen.

Wie kann es nun gelingen, Bilder zu Männern (und deren Umgang mit ,Gesundheit’ und ,Krankheit’) durch eine Geschlechterperspektive zu erweitern? Wie lassen sich Beschreibungen und Schlussfolgerungen von Individuen und Gruppen in der Gesundheitsversorgung kritisch reflektieren (vgl. Hammarström et al., 2013), um Vereinfachungen des Verhaltens und Handelns von Männern zu minimieren?

Die folgenden Fragen können vielleicht auf Weg einer kritischen Reflexion bisheriger praktizierter Denk- und Handlungsweisen wertvoll für (Gesundheitsfach)Personen sein (vgl. Sabo & Gordon, 1995):

  • Wer spricht ,Männer’ (und ,Frauen’) mit welchem Geschlechterverständnis auf welche Themen zu Gesundheit und Krankheit an?
  • Welche Symptome werden bei ,Männern’ (und ,Frauen’) wahrgenommen und führen zu welcher Einschätzung ihrer Gesundheits-und Krankheitssituation?
  • Welche Konzepte zu ,Männern’, Männlichkeiten (,masculinities’) sowie Geschlecht (,gender’) werden in der Ausbildung, dem Studium und in der Weiterbildung von Gesundheitsfachpersonen vermittelt?
  • Welche Strategien werden bei ,Männern’ (und ,Frauen’) im Umgang mit Gesundheit und Krankheit wahrgenommen und haben welche Konsequenzen für die Gesundheitsversorgung (z.B. Schmerzmanagement und Fragen zur psychischen Gesundheit)?
  • Welche Form der Kommunikation wird praktiziert, um ,Männern’ (und ,Frauen’) zu ermöglichen, sich offen äussern zu können, ohne Geschlechterstereotype erfüllen zu müssen?
  • Auf welche Form der Unterstützung können ,Männer’ (und ,Frauen’) mit Gesundheitsproblemen zurückgreifen?
  • Inwieweit werden an ,Männer’ (und ,Frauen’) bestimmte Erwartungen geknüpft, sich um sich zu sorgen und/oder anderen Personen Unterstützung zu geben?

Perspektiven

Für die Zukunft wünsche ich mir einen stärkeren inter- und transdisziplinären Austausch unter bzw. zwischen ,Männern’ (und ,Frauen’) und den Gesundheitsfachpersonen, um die Gesundheitsversorgung von ,Männern’ zu reflektieren und zu verbessern. Hierzu sollte das Thema ,Männer’ mit Blick auf die Wechselwirkung zwischen individuellen Lebenssituationen und gesellschaftlichen (Männlichkeits-)Anforderungen thematisiert werden, damit Männer immer weniger eine ,Terra incognita’ – im Umgang mit Gesundheit und Krankheit – sind.

In Bezug auf die Neuverfilmung von Winnetou und Old Shatterhand bin ich gespannt, mit welchen (aktuellen) Konzepten von Geschlecht (,gender’) und Männlichkeiten (,masculinities’) wir das Handeln der beiden Akteure wahrnehmen und einschätzen bzw. welche Aktualisierungen in den Vorstellungen von Männlichkeiten 2016 sichtbar werden.

Mit guten Wünschen für schöne und besinnliche Weihnachtstage!

Frank Luck

 

Literatur

Broom, A. & Tovey, Ph. (Hrsg.). (2009). Men`s Health: Body, Identity and Social Context. Cichester: Wiley-Blackwell.

Connell, R. (2015). Der gemachte Mann: Konstruktion und Krise von Männlichkeiten (4. Aufl.). Wiesbaden: Springer Fachmedien.

Hammarström A., et al. (2013). Central gender theoretical concepts in health research: the state of the art. Journal of Epidemiology & Community Health. doi:10.1136/jech-2013-202572

MedUni Wien (Arbeitsgruppe Gender im Curriculum, Medizinische Universität Wien in Zusammenarbeit mit Vertreterinnen des KAV). (2014). Leitfaden für Gender und Diversity in der Medizin, Zugriff am 26. Mai 2016, auf http://www.meduniwien.ac.at/homepage/fileadmin/HP-Relaunch/pdforganisation/gleichbehandlung/Diversity/leitfaden_fuer_gender_diversity_in_der_medizin.pdf

Sabo, D. & Gordon,F. (1995). Men’s Health and Ilness. Gender Power and the Body. Thousand Oaks & London & New Dehli: SAGE Publications.

Wehner, N., Baumgarten, D., Luck, F., Maihofer, A. & Zemp Stutz, E. (2015). „Mir geht es gut!“ – Gesundheitsvorstellungen von Männern in der Schweiz. Ergebnisse aus einem empirischen Projekt. Freiburger Zeitschrift für Geschlechter Studien, 21(2), 33–49.