The_Drunkard's_Progress_-_ColorAuf 100.000 Männer kommen heute etwa 18 männliche Selbsttötungen. Diese Zahl mag hoch anmuten, doch sie liegt auf einem historischen Tiefstand. Von der Nachkriegszeit bis weit in die 1980er Jahre lag die Rate noch bei ca. 30 pro 100.000 Einwohnern, also fast doppelt so hoch. In absoluten Zahlen betrachtet bringen sich heute sehr viel weniger Männer um. Wo ist dann das Problem, abgesehen davon natürlich, dass jedes unnötig verlorene Leben ein Verlust ist? Nun, was sich zwischen 1985 und 2015 nicht geändert hat, ist die hohe Menge an Suiziden, die Männer im Verhältnis zu Frauen vollziehen – nämlich ca. 2:1. Wenn sich dieses Verhältnis auch über Jahrzehnte nicht ändert, dann wird es wohl eine natürliche Ursache haben. So könnte man vermuten. Doch interkulturelle Vergleiche und die neuere psychiatrische Forschung legen nahe, dass dieses Ungleichgewicht selbstgemacht ist. Wenn es also gelungen ist, erstens: die Suizidrate als Ganze durch verschiedene Maßnahmen signifikant zu senken, dies jedoch zweitens: keine Auswirkungen auf die Geschlechterrelation bei den vollzogenen Suiziden hatte, ebendiese Relation jedoch drittens: sehr wahrscheinlich soziokulturellen Ursprungs ist, dann drängen sich aus medizinhistorischer Sicht einige Fragen auf. Haben die Akteure der Suizidprävention in den vergangenen Jahrzehnten möglicherweise etwas übersehen? Maßnahmen, mit denen man auch diese anderen „unverbesserlichen“ Männer hätte vor dem Tod bewahren können?

In der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts und weit darüber hinaus waren für die „Selbstmordverhütung“ Seelsorger zuständig. Die „Lebensmüden“ sollten sich vertrauensvoll an ihre Kirche wenden und Buße tun für ihr „abscheuliches Vorhaben“ und die „Missachtung Gottes“, die ihr zu Grunde lag. Man kann sich vorstellen, dass diese Art der Hilfestellung nicht unbedingt zielführend war. Aber die wissenschaftlich fundierte Suizidprävention war ebenfalls unzulänglich. Im deutschsprachigen Raum begann sie um 1900 mit der Herausbildung der klassischen deutschen Psychiatrie Kraepelinscher Prägung. Diese war die längste Zeit ihres Bestehens auf somatische Befunde fixiert. Psychiater in dieser Zeit interessierten sich darüber hinaus für suizidale Menschen meist nur dann, wenn diese an Psychosen litten. War eine solche ausgeschlossen, endete der Zuständigkeitsbereich der Psychiatrie. Die Menschen wurden mit Diagnosen wie „abnorme Persönlichkeit“ („Psychopathie“), oder „abnorme Erlebnisreaktion“ ohne weitere Nachbetreuung wieder nach Hause geschickt. Erst nach dem Ersten Weltkrieg boten einzelne niedergelassene Ärzte in den europäischen Metropolen „Selbstmordsprechstunden“ an. Aber vor allem aus der noch sehr überschaubaren Szene der Psychotherapie kamen Impulse. Viktor Frankl in Wien forderte früh, dass Suizidprävention eine Behandlungskette aus psychotherapeutischen und sozialpsychiatrischen Maßnahmen beinhalten müsse. Dies erschien jedoch viel zu teuer und spätestens mit der Weltwirtschaftskrise ab 1929 waren solche Pläne vom Tisch. Zur gleichen Zeit setzte sich in der klassischen Psychiatrie zunehmend die Überzeugung durch, dass die „Abnormen“ dem Gemeinwesen nur schadeten.

Im „Dritten Reich“, so verkündigte zumindest die Propaganda, brachte sich niemand mehr um, Suizidprävention war daher überflüssig. Wie später die SED in Ostdeutschland, erstickte auch die NS-Führung jeglichen Diskurs über Suizide im Keim und verbot auch die Berichterstattung. Die Angst vor der politischen Sprengkraft war zu groß. Hinter verschlossenen Türen waren die Nazis jedoch zwiegespalten: Für die eine Seite waren Suizidenten feige und ehrlos, Verräter am Volk sozusagen. Die Ärzte passten sich dieser Stimmung an und übertrugen sie in eine wissenschaftliche Sprache. Der Dichter und Stabsarzt Gottfried Benn, der 1940 für die Wehrmacht einen Bericht „über den Selbstmord im Heer“ anfertigte, schrieb: „Ich erlaube mir […] noch einmal auf den […] rassischen Gesichtspunkt hinzuweisen. Es kann kein Zweifel sein, daß die meisten Selbstmörder zu den gefährdeten und labilen Typen gehören, deren Fortpflanzung nicht unbedingt wünschenswert nach dem Ideal der heutigen Staatsbiologie ist.“ Für die andere Seite verhieß die Diktatur unbegrenzte Möglichkeiten zur Errichtung einer psychotherapeutischen und sozialpsychiatrischen Grundversorgung – einer therapeutischen Kette, die in der Weimarer Zeit aus Kostengründen nie hatte verwirklicht werden können. Carl Schneider beispielsweise, der damalige Rektor der heutigen Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg, entwarf solche Pläne. Freilich hätten davon nur „erbgesunde Volksgenossen“ profitiert. Finanzieren wollte Schneider das Projekt mit Zwangssterilisierungen und der Ermordung von chronisch erkrankten Menschen, von denen er sich gigantische Kostenersparnisse versprach.

Nach dem Krieg taten die deutschen Psychiater so, als hätten sie sich seit eh und je nur für Psychopathologie interessiert. Über Euthanasie und Gaskammern vermied man es tunlichst zu sprechen. Dieses Tabu schloss jedoch auch die Sozialpsychiatrie ein, die mit den NS-Verbrechen assoziiert wurde und damit die Suizidprävention, die nun erst recht wieder Sache der Kirchen war. Bezeichnenderweise kamen die wesentlichen Impulse für die moderne Suizidprävention aus Österreich. 1948 überzeugte der junge Psychiater Erwin Ringel die Caritas, die Einrichtung einer „Lebensmüdenberatungsstelle“ im notorisch suizidlastigen Wien zu finanzieren. Statt Seelsorgern realisierten dort Individualpsychologen und Psychoanalytiker eine umfassende Betreuung suizidaler Menschen. Nach 5 Jahren Forschung hatte Ringels Team 745 Überlebende untersucht und veröffentlichte 1953 die Studie „Der Selbstmord. Abschluß einer krankhaften Entwicklung.“ Darin schrieb er, „Es muss klarwerden, daß der verfehlte Lebensweg eine Krankheit ist, und zwar eine, die in jedem Stadium heilbar oder zumindest wesentlich zu lindern ist.“ Dies war zum einen gegen die klassische Psychiatrie gerichtet, die den allermeisten suizidalen Menschen den Anspruch auf medizinische Hilfe absprach. Zum anderen versuchte Ringel damit, den Zuständigkeitsanspruch seiner Geldgeber, den Geistlichen für den Suizid zurückzuweisen. Über die Seelsorger sagte Ringel öffentlich, sie „würden nur ihre Komplexe damit abreagieren.“

In Deutschland dauerte es noch einige Zeit. Erst ab den 1970er Jahren verbreitete sich die systematische Suizidprävention mit Krisenintervention und längerfristiger Betreuung. Haben wir ihr wirklich den stetigen Fall der Suizidrate seit den 1980er Jahren zu verdanken? Schließlich passierten in der Zwischenzeit noch andere Dinge. Seit den 1960er Jahren hatte sich das Rettungswesen mit Krankenwagen herausgebildet, zur gleichen Zeit entstanden die Intensivstationen. Die ersten modernen Psychopharmaka wurden auf dem Markt eingeführt. Auch die neue Suchtmedizin dürfte einige Leben gerettet haben, ebenso wie die Anerkennung der Psychotherapie als Kassenleistung im Jahr 1967. Welche Faktoren hier auch immer die Wende gebracht haben, eins haben sie alle zweifellos bewirkt: Heute ist es schwierig geworden, zu argumentieren, dass jemand, der sich umbringen möchte, nicht in irgendeiner Weise krank ist. Dies war früher zweifellos anders. Sündhaft? Sicher! „Abartig und Degeneriert?“ Bestimmt. Aber krank und hilfsbedürftig? Manche Menschen wehrten sich gegen diese neue, absolute Sichtweise auf den Tod durch eigene Hand. Der Philosoph Jean Amery endete 1976 nach dem Versuch, sich mit gehorteten Barbituraten das Leben zu nehmen, im Krankenhaus, wo ihm der Magen ausgepumpt wurde. Diese Erfahrung verarbeitete er kurz darauf in seinem Essay „Hand an sich legen“ , wo er mit Ärzten und Psychologen hart ins Gericht ging: „Der Hang zum Freitod ist keine Krankheit, von der man geheilt werden muß wie von den Masern […] Erst [wenn] der Mensch [seiner] Todesneigung nachzugeben wünscht, gebärdet die Sozietät sich, als sei er ihr teuerstes Stück, umstellt ihn mit ihren scheußlichen Apparaturen und führt ihm den höchst abstoßenden Berufsehrgeiz der Ärzte vor, die dann seine ‚Rettung‘ auf ihr professionelles Habenkonto schreiben, gleich Jägern, wenn sie die Strecke des abgeschlachteten Wildes abschreiten und gebärden sich wie Sportler, denen eine außergewöhnliche Leistung gelang.“

Das Beispiel Amerys führt uns auch zurück zur anfangs gestellten Frage: Warum bringen sich immer noch so viel mehr Männer als Frauen um? „Mangendes Hilfesuchverhalten“ ist dann oft die achselzuckende Erklärung. „Da hat der Mann schon erstmals in der Geschichte eine ganze Batterie von Hilfsangeboten und nimmt sie nicht an.“ Eine produktivere Erklärung als diese geht heute davon aus, dass Männer seelische Leiden in einer spezifischen Art maskieren, die wiederum von den gängigen Depressionsinventaren nicht erkannt wird. Die Rede ist von der „Männerdepression“, wie sie u. a. Johannes Vennen in einem Artikel hier auf diesem Portal vorgestellt hat. Auch aus medizinhistorischer Sicht finden sich Hinweise, die eine solche Sichtweise stützen. Bei allen Veränderungen, die das Feld der Suizidprävention im Laufe der letzten Jahrzehnte durchgemacht hat, blieb eines stets gleich. Ob man in den Beschreibungen der „Depressiven Phasen“ im „Würzburger Schlüssel“ von 1933 nachliest oder in der Symptomliste der „Major Depression“ im ICD-10. Die „Depression“ wird nicht nur heute in Begriffen ausformuliert, die an der Lebensrealität vieler Männern vorbei geht, weil sie „männliche“ Attribute systematisch ausschließt. Auch in der Vergangenheit war dies der Fall. Möglicherweise erklärt dies ein Stückweit, warum die Gesamtzahl der Selbsttötungen so enorm zurückgegangen ist, der gender-gap jedoch unverändert fortbesteht.