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Heute wieder ein Ausschnitt direkt aus dem Buch. Wie ist es eigentlich die MännerUnverletzlichkeit entstanden?

Das „männliche“ Schmerzempfinden aus soziologischer Sicht
Thomas Alkemeyer, Soziologe und Sportsoziologe an der Universität Oldenburg, beschäftigt sich viel mit dem Körperselbstbild von Männern. Fragen seiner Forschungen sind: Wie setzen sich Männer mit ihrer Umwelt, ihrem soziokulturellen Umfeld, auseinander? Wie werden sie dabei zu einem männlichen Subjekt?
Zahlreiche Facetten des „männlichen“ Selbstbildes gehen auf ein Erziehungsideal des 19. Jahrhunderts zurück, das ein spezifisches Leistungsdenken propagierte. Thomas Alkemeyer sieht einen Ursprung dieses Ideals in den englischen „Public Schools“ der Zeit. Sie sind die Geburtsorte des modernen Sports und der heutigen Sportpädagogik. Männer aus den oberen sozialen Schichten Englands sollten hier durch sportlichen Wettkampf für Führungspositionen in Wirtschaft und Militär „fit“ gemacht werden. Dahinter stand die Idee einer Gleichwertigkeit des „Kampfes“ in der Welt des Sports und in der neuen, unbeständigen Wirtschaftsordnung des industriellen Kapitalismus. Das im Sport eingeübte und dargestellte Ideal eines männlichen Subjekts, das sich durch Einsatz, Anstrengungsbereitschaft und Siegeswillen gegen seine Konkurrenten behauptet und durchsetzt, breitete sich nach und nach in allen Schichten der Gesellschaft aus. Es setzte sich ein Leistungsdenken durch, das Sieger und Verlierer, Starke und Schwache produzierte.

Abhärtung der Männer durch Sportdrill
Die Abhärtung des männlichen Subjekts fand zunächst vorzugsweise im „harten“ englischen „Rugby“ statt. Ein gesundheitsbewusstes Verhalten hatte hier hinten anzustehen. Wer wegen Verletzungen oder Schmerzen aus dem Spiel ausstieg, galt rasch als schwach, als verweichlicht und verweiblicht.
Weitreichende Konsequenzen dieses Konzepts von Männlichkeit sind sehr deutlich in der heutigen früheren Männersterblichkeit zu sehen. Bis ins 19. Jahrhundert war die Lebenserwartung von Männern und Frauen weitgehend gleich. Erst seit sich Vorstellungen männlicher „Härte“in Kampf und Wettkampf durchgesetzt haben, die keine Schwächen erlaubt, sterben Männer im Schnitt früher als Frauen.
Bis in die 1968er Jahre blieb ein durch Härte gegen sich selbst wie gegen andere gekennzeichnetes Bild von Männlichkeit leitend. Erst allmählich und ansatzweise breitete sich – wiederum ausgehend von den oberen sozialen Klassen, die nicht auf einen starken Arbeitskörper angewiesen waren – die Auffassung aus, dass die Leistungsfähigkeit langfristig eher erhalten bleibt, wenn auch auf die Gesundheit geachtet wird. In vielen Männerköpfen ist das Ideal des „harten Mannes“ jedoch nach wie vor präsent und prägt das Verhalten und die Haltung zum Thema „Gesundheit“. Und nach wie vor geht es in etlichen Sportarten auch darum, sich das Empfinden von Schmerzen systematisch abzutrainieren. Ansonsten könnten sie schlechterdings nicht betrieben werden. Das betrifft nicht etwa nur den Boxsport, sondern auch Ausdauersportarten und selbst den heutigen Trendsport (beispielsweise Skateboarding oder Kitesurfen), in dem Männer ganz bewusst die Unversehrtheit ihres Körpers aufs Spiel setzen. (Auf Frauen, die diese Sportarten betreiben, trifft das natürlich auch zu. Jedoch dominieren Männer die meisten körperlich riskanten Sportarten.) Verletzungen gelten oft als Auszeichnungen, fast wie bei schlagenden Studentenverbindungen und Burschenschaften.
Nach wie vor, so Thomas Alkemeyer, bemesse sich der Wert eines Männerkörpers (im Sport) vor allem nach seiner Einsatz- und Risikobereitschaft. Verletzungen werden dann nicht nur in Kauf genommen, sondern geradezu zelebriert. Der Körper wird ungeschützt Gefahren ausgesetzt. Dabei gehören Risiko und Schmerz zusammen. Diese Kombination erhält Anerkennung und bestimmt den Status in der „Szene“.
Schmerz ist unter diesem soziologischen Blickwinkel eine Übung in Männlichkeit. Der Mann hat sich mindestens über die vergangenen 150 Jahre hinweg eine gewisse Schmerzunempfindlichkeit im wahrsten Sinne des Wortes antrainiert. Denn nicht nur unsere Gene, sondern auch die gesellschaftlichen Normen und Wertvorstellungen werden in gewisser Weise vererbt, ist sich Sportsoziologe Alkemeyer sicher. Sie prägen das Verhältnis zum und damit auch die Sensibilität für den eigenen Körper.

Wie immer wünsche ich Ihnen eine gesundheitliche Woche.