father and son feetMänner und ihre Chefs haben eine besondere Beziehung. Die hatte ich auch immer. Heute erzähle ich mal ein wenig von mir. Bis zu meiner Selbstständigkeit durfte ich vier Chefs kennen lernen. Der erste war hart aber fair und wie ein Vater für die Abteilung. Der zweite war lasch und ohne Rückgrat. Der dritte hatte Rückgrat und auch Führungskompetenz. Der vierte fühlte sich nicht als Chef und teilte dies mir bereits an meinem dritten Arbeitstag mit. Von daher kann ich da ein wenig mitreden. Selbst war ich noch nie Chef, habe aber Erfahrung in der Patientenführung sammeln können. Diese vergleiche ich gerne miteinander, da sie mehr Gemeinsamkeiten haben, als man denkt.
Als ich einmal richtig Ärger mit meinem zweiten, Rückgrat losen Chef hatte, musste ich einem Freund mein Leid erklären. Er hörte sich alles an und gab mir dann nur zu verstehen, dass Chefärzte halt so seien. Er könne das auch nicht ändern und wir müssten damit leben. Alles unter dem Motto „Get other with it!“ Mich befriedigte diese Antwort aber nicht und ich „nervte“ ihn weiter. Er konterte geschickt und gab mir eine kleine Aufgabe zum Nachdenken. Er fragte mich: „Jetzt sag mal eine gute Sache über Deinen Chef?“ Mir schoss sofort heraus, dass es da nichts gäbe, was ich menschlich respektieren könne. „Doch, denk mal nach!“ Ich schwieg für einige Minuten. Dann schoss mir wieder etwas aus meinem Bauch heraus. „Er gibt den Patienten Geborgenheit.“ Mein Freund antwortete: „Jupp und genau das schaust Du Dir mal in den nächsten Monaten an.“ Und dieser Rat war gar nicht schlecht, das konnte nämlich der Rückrat lose Mann doch ganz gut. Sonst wäre er auch wahrscheinlich niemals Chefarzt geworden.
Ein ehemaliger Oberarzt hatte mir mal den Tipp gegeben, sowohl unter „guten“ als auch unter „schlechten“ Chefs zu arbeiten. Beide könnten mir etwas beibringen. Auch vom „schlechten“ Chef könne mal sehr viel lernen, vor allem das, was man später so nicht machen wolle. Das kann ich nur bestätigen. Leider hört man so etwas erst im Laufe der Berufstätigkeit und nicht auf der Arztschule.
Doch warum erzähle ich das hier. Ich glaube, der Beziehung zwischen Chef und Mann kommt mehr Bedeutung zu als man so denken würde. Männer definieren sich auch heute immer noch sehr über ihre Arbeit, trotz veränderter Work-Life-Balance und all dem anderen „neumodischen Kram“. Und die gegenseitige Wertschätzung und der Respekt sind immer noch ein wichtiges Thema.
Als Betriebsarzt sieht man viele solcher Beziehungen und man hat nicht selten die Möglichkeit, mit beiden Seiten über deren Bedürfnisse und Nöte zu sprechen. Bei mir sitzen häufig Männer, die aufgrund einer nicht intakten Mitarbeiter-Vorgesetzten-Beziehung körperliche Beschwerden bekommen. Erst im Gespräch kommen dann auch die seelischen Beschwerden wie zum Beispiel Schlafstörungen heraus.
In einem MännerGespräch berichtete ein Mitarbeiter von seinen Rückenbeschwerden. Als ich dann nachbohrte und auf die eigentliche Thematik stieß, lehrte mich dieser Mann etwas Grundsätzliches. Er kategorisierte seit Jahren seine Chefs nach den drei Buchstaben „T O P“. Diese kommen aus der Arbeitssicherheit und bieten eine einfache Systematik, gefährliche Arbeitsprozesse sicherer zu gestalten. „T“ steht für die technische Optimierung. „O“ für eine bessere Organisation, den Prozess sicherer zu machen. Das „P“ steht für die persönliche Schutzausrüstung (PSA). Der Mann aus der Beratung projizierte nun diese Buchstaben auf seinen aktuellen Chef. Als technisch versierter Mann sehnte er sich nach einem technisch versierteren Vorgesetzten als er selbst war. Dieses Aufschauen suchen meiner Meinung nach viele Männer. Erst dann können sie Respekt empfinden. Das „O“ stand für die organisatorischen Fähigkeiten des Chefs. Das „P“ stand hier nicht für die PSA sondern für die interpersonellen Fähigkeiten. Auf meine Frage „Und welche Buchstaben bekommt ihr Chef?“ sagte er „Leider nur ein kleines p.“ Dies schmerzte diesen Mann so sehr, dass er tagtäglich mit Schulter-Nacken-Verspannungen herumlaufen musste. Gerade einen Chef (ohne mehr Fachwissen als man selbst hat) zu haben, schmerzt einen Techniker sehr. Jetzt kann man sich natürlich fragen „Was bringt es das zu wissen?“ Es gibt nicht wenige, die noch gar nicht ihr Problem beschreiben oder differenzieren können. Ich nutze deswegen seitdem häufig die „TOP3-Methode“, um Männer in ihrer Sprache und Denke besser zu erreichen.
Im Rahmen der Interviewreise habe ich mit unterschiedlichen Menschen (Coaches, Führungskräfteentwicklern, Psychologen und auch Führungskräften selbst) zu diesem Thema gesprochen. Allen war dabei klar: Eine schlechte Führung macht krank. Besser gesagt: Vorgesetzte wirken auf das Immunsystem ihrer Mitarbeiter, auch der Männer. Das Thema „Führung und Gesundheit“ ist weiterhin sehr aktuell in den Betrieben. Das „Gesunde Führen“ wird dabei primär vom Thema der Wertschätzung getragen, …und das ist mehr als nur dann und wann mal zu loben. Mich interessiert aber noch eine andere Frage: Gibt es die gendersensible Führung? Wie wollen Männer geführt werden? Und wie führen Männer ihre Mitarbeiter? Anders als dies Frauen tun würden? Leider konnte ich den Gesprächspartnern keine detaillierten Unterscheidungsmerkmale herauslocken. Was aber alle Gesprächspartner übereinstimmend sagten war, dass Männer in ihrer Arbeit eher die Autonomie mit klaren Grenzziehungen suchen. Frauen suchen dagegen eher die gute Atmosphäre und eine intakte Kommunikation. Während der Mann eher seine eigentliche Arbeit sieht und den Freiraum dazu einfordert, brauchen Frauen für gute Arbeit eine gute Atmosphäre. Was nun erfolgsversprechender ist, weiß ich nicht. Ich denke manchmal könnte die „männliche“ Atmosphäre etwas herzlicher sein und manchmal müssten auch nicht so viele „weibliche“ Worte über eigentlich nichts verloren werden.
Wie immer wünsche ich Ihnen eine gesundheitliche Woche. Der nächste Beitrag folgt dann in zwei Wochen.