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Auf meiner Reise durch Deutschland war ich vor kurzem bei Professor Jacobi. Er ist Urologe, praktiziert in Duisburg und hat einen der ersten Männergesundheitsratgeber geschrieben; dies bereits schon vor 10 Jahren. Durch dieses Buch kamen wir zusammen und ich habe ihn zu seiner Sichtweise auf die heutige Männergesundheit und seine besten Tipps in der Arbeit mit Männern befragt. Wir sprachen über Beratungsanlässe, Altersschwerpunkte in der urologischen Praxis und den männlichen Umgang mit Krankheit. Für Herrn Jacobi ist das Männergesundheitsgespräch tagtäglich präsent. Nach seiner Aussage ist der Mann daran interessiert, einen Reparaturauftrag abliefern zu können und erwartet, dass dieser kurz und knapp abgearbeitet wird. Dabei spielt die soziale Herkunft oder der Status kaum eine Rolle. Im Gespräch berichtete er von einem 55 Jahre alten Mann, gebildet und Nicht-Arztgänger. Dieser hatte ein intimes konkretes urologischen Problem und suchte einen Rat beim Arzt. Nachdem Herr Jacobi ihm Entwarnung geben konnte, wollte dieser Mann eigentlich gleich wieder los. Aufgrund des Alters empfahl ihm der Arzt nun noch eine sinnvolle Männervorsorge. Dies verstand der Patient auch, lehnte aber trotzdem dankend ab. Er würde hierin keinen Sinn für sich sehen. Leider endete das Gespräch hierbei. Herr Jacobi hat dies für ihn Entscheidende in den letzten Jahrzehnten gelernt: Immer Angebote bieten aber auch diese auch nicht massiv überzustülpen. Nach seiner Aussage bringt das nichts. Ich glaube aber, dass dies schon manchmal, nur einen kleinen Tick mehr, etwas bringen würde. Männer haben eher als Frauen dieses schon mehrfach angesprochene Auftrags-/Reparaturdenken. Sie gehen mit ihrem Körper viel funktionaler um als Frauen. Ich denke, dass sie manchmal auch drauf warten, von einem Arzt angesprochen zu werden. Und weil wir (Ärzte) glauben, dass sie das nicht wollen, entsteht plötzlich etwas Unausgesprochenes. Ich komme aber nun zu dem eigentlich interessanten Punkt unseres Gespräches. Ich möchte dies als den „Wartezimmereffekt“ bezeichnen. Herr Jacobi schilderte diesen fast beiläufig und ich blieb in seiner Erzählung daran hängen. Als wir beim Kontext der Vorsorgemaßnahmen waren, die solch eine Großpraxis natürlich anbietet, berichtete mir dieser Urologe von einer „Männersprechstunde“. Man sollte ja glauben, dass beim Urologen fast nur „Männersprechstunde“ vorherrscht. Ist aber nicht so. Es kommen natürlich auch Frauen und Kinder in die Praxis. Um nun Vorsorgemaßnahmen besser an den Mann zu bringen und den logistischen Ablauf in der Praxis zu optimieren, wurde ein Nachmittag in der Woche nur für Männer freigehalten. Im Sprechzimmer wurden alle Frauenzeitschriften beiseite gelegt und es lagen nur noch „Auto-Motor-Sport-und-Health“-Zeitschriften aus. Und die Ärzte waren auf mögliche Vorsorgegespreche eingestellt. Klingt erst einmal alles logisch und man wüsste nicht, warum man dieses nach einem 3/4 Jahr Testphase schon wieder abschaffen müsste. Doch es passierte folgendes, die Männer fingen alle an sich im Wartezimmer zu unterhalten. Für mich tätig in der Männergesundheitsförderung ist das interessant. Alleine ohne Anleitung oder Themenvorgabe unterhielten sich wildfremde Männer im Wartezimmer. Wenn Männer sonst im Wartezimmer gemischt mit Frauen und Kindern platz nehmen, herrscht bis auf die Kinder meist Stille. Hier war es nun so, dass dieser „vertraute“ Raum des urologischen Wartezimmers solch einen Nährboden bot, wie eine voll intakte klassische Männergruppe dies tut. Das heißt, die Männer konnten sich hier über ihre intimsten Dinge einmal ganz ungeniert austauschen. „Man ist ja beim Urologen, dem Männerarzt!“ Die Gespräche im Sprechzimmer beim Arzt waren die gleichen geblieben. Aber draußen vor der Arzttür war es zum Erstaunen des gesamten Praxisteams plötzlich ganz unruhig und rege geworden. Dieser Effekt ist natürlich für eine urologische Praxis nicht gerade gewünscht. Das Personal ist auf Schweigepflicht eingestimmt, die wartenden Männer normalerweise aber nicht. Wenn plötzlich Herr Meyer von Herrn Müller weiß, dass dieser impotent ist, wird das nicht gerade „im Hause“ bleiben. Das geht dann an die Ehefrau und die erzählt das dann Frau Schmidt, die wiederum mit Frau Müller befreundet ist. Sprich… für solch eine Praxis in einem Stadtteil oder Kleinstadt oder Dorf wäre das auf Dauer schädigend und auch für die Patienten nicht gut. Somit wurde diese Form der Männersprechstunde bei Herrn Jacobi wieder abgeschafft. Für mich ist das aber ein interessanter Effekt, der Mut macht. Männer (…die im Leben nicht in einer Männergruppe landen würden) konnten sich unter gewissen Bedingungen öffnen bzw. haben das Bedürfnis dazu gezeigt. Wir könnten daraus ableiten, dass im Rahmen von Gesundheitsfördermaßnahmen wie z.B. Kursen oder sonstigen Angeboten, noch mehr auf die Geschlechtsspezifität geachtet werden müsste. Credo dabei: Männer untereinander ohne anwesende „Gesundheitsfachfrauen“. Und diese gibt es ja viele auf Seiten der KursteilnehmerInnen aber auch auf Seiten der KursleiterInnen. Meiner Einschätzung nach wirken diese nicht selten unbewusst einschüchternd. Da kann ich aber auch falsch liegen. So wie wir mehr Erzieher brauchen, bräuchten wir auch mehr Gesundheitsförderer, mit denen sich Jungs und Männer identifizieren könnten. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gesundheitsförderliche Woche.