Ich bat einen Freund, der als Urologe viele Jahre gearbeitet hat und mittlerweile Strahlentherapeut ist, um seine Sicht auf uns Männer. Lesen Sie gerne dieses schriftliche Interview.

Wie hast Du als Urologe Männer in Bezug auf… wahrgenommen?
1. Krankheiten:
Sicherlich abhängig von der Diagnose, sicherlich verschlossener als Frauen, insbesondere bei „Männerkrankheiten“ wie Problemen beim Wasserlassen, Erektionsbeschwerden aber insbesondere auch bei möglicher männlicher Unfruchtbarkeit. Der Mann lässt sich hierbei nicht so gerne hinter die „starke“ Fassade gucken. Probleme werden immer gerne auf das „Körperliche“ reduziert; auf die Psyche und psychische Probleme werden viele Männer nicht gerne angesprochen.
2. Schmerz:
Schmerzen werden länger verdrängt, als Frauen das für gewöhnlich tun. Schmerzen zuzugeben wird weiterhin häufig als „unmännlich“ angesehen. „Das geht schon“ mit den Schmerzen. Einen Mann von der regelmäßigen Einnahme von Schmerzmitteln zu überzeugen ist meist schwerer als bei Frauen. Hier spielen aber nicht nur Mann und Frau eine Rolle, sondern auch das Alter und religiöse und ethnische Hintergründe.
3. Trauer:
Unterschiede nach Alter, Religion und Herkunft. Auch hier wird gerne eher der „harte Mann“ vorgegeben, der sich oder seiner Umwelt häufig nicht seine Gefühle zeigen möchte. Der Mann trauert eher „für sich“, möchte andere nicht „da mit reinziehen“ und gibt häufig vor „das mit sich ausmachen zu wollen“. Hilfsangebote werden meist nur von engen Freunden, am ehesten „dem besten Freund“ angenommen.
4. Angst:
„Der“ Mann hat keine Angst. Und wenn doch, dann gibt er es lange nicht zu. Ängste werden sicherlich auch abhängig von Herkunft und Alter unterschiedlich verarbeitet; meist jedoch im Stillen „für sich“.

Wie hast Du die Partnerinnen wahrgenommen?
Abhängig von der Erkrankung; meist begleiten die Partnerinnen ihren Mann bei bedrohlichen Erkrankungen (insbesondere beim Prostatakarzinom) oder aber zur Abklärung bei unerfülltem Kinderwunsch zum Arzt.
Die Partnerinnen sind hierbei häufig besser über die vorliegenden Erkrankungen informiert, als der betreffende Mann selber. Häufig sind sie bedeutend wissbegieriger bei Aufklärungsgesprächen, nicht selten muss man ihnen aber auch verdeutlichen, dass nicht sie, sondern der Mann nun im „Rampenlicht des Interesses“ stehen. Manchmal entsteht der Eindruck die Frauen hätten auch in Bezug auf die Therapieoptionen bei Erkrankungen des Mannes „die Hosen an“.

Was wissen Urologen mehr als andere Ärzte über Männer?
Die Arbeit des Urologen beginnt oft in dem Bereich des Körpers, den andere Ärzte gerne ausgrenzen; in der Unterhose. Der Urologe „teilt somit – mehr oder minder gezwungenermaßen – ein Geheimnis“ mit dem Patienten, das er mit Kollegen anderer Fachgruppen nicht so gerne teilen möchte. Bestimmte Probleme werden von Männern auch nicht unmittelbar angesprochen; so wird die erstmalig in Anspruch genommene Vorsorgeuntersuchung schließlich genutzt, um „mal eben“ noch die Erektionsbeschwerden anzusprechen. Oft werden in dieser Beziehung von Männern kleine Zeichen im Laufe eines Gesprächs „gesetzt“, die man als Urologe lernen muss zu deuten, um diese dann aufzugreifen und anzusprechen, um so, über manchen Umweg den eigentlichen Grund des Arztbesuches zu eruieren.

Wie ist das für Dich heute als Strahlentherapeut / „Krebsarzt“?
Viele Erkenntnisse in der Gesprächsführung mit Männern, die ich in der Urologie erlernt habe, kann ich in der Onkologie aufgreifen. Ich weiß aus der urologischen Erfahrung, wie feinfühlig ich als Arzt manchem Mann begegnen sollte. Das Prostatakarzinom spielt auch in der Strahlentherapie eine große Rolle; hier fühlt sich ein entsprechender Patient natürlich beim urologisch versierten Strahlentherapeuten gut aufgehoben. Der Mann als Patient in der Strahlentherapie nimmt sicher häufig eine besondere Rolle ein. Hier spielen Ängste (Krankheitsverlauf, Existenz, Versorgungsprobleme, Partnerschaftsprobleme) eine entscheidende Rolle, die der Mann jedoch nicht ohne weiteres verbalisiert. Entsprechendes „Fingerspitzengefühl“ des Therapeuten ist gefragt.

Wie würdest Du einem Laien Deine Form der Gesprächsführung mit Männern kurz beschreiben?
Dies ist sicher sehr stark von Alter, Ursprung und Charakter des Patienten abhängig. Auch der Bildungsstand spielt hier eine wichtige Rolle. Entscheidend ist es, den Patienten und seine Probleme ernst zu nehmen, ihm zu verdeutlichen, dass seine geäußerten Beschwerden nichts mit „Peinlichkeit“ oder „Unmännlichkeit“ zu tun haben. Ein verständliches Aufklärungsgespräch gemeinsam mit dem Patienten, in dem ihm jederzeit Zwischenfragen möglich sind, schafft in der Regel ein vertrauensvolles Arzt-Patientenverhältnis.

Wie könnte nach Deiner Meinung ein sinnvolles Männergesundheitsgespräch aussehen? Bitte kurz und knapp.
Ziel des Gesundheitsgespräches mit dem Mann erarbeiten und festlegen. Genaue Anamnese: Krankheitsanamnese, Berufsanamnese, Sozialanamnese, Primärpräventionsmöglichkeiten darlegen, spezielle berufsbezogene und individualmedizinische Risiken erarbeiten.

Was sind drei Dinge für die Werkzeugkiste „Männerarbeit“?
– Den Mann dort abholen, wo er gerade steht.
– Den Mann als ganzen Mann sehen, sich für den Mann interessieren und „versuchen“ ihn zu mögen.
– Männerprobleme sind manchmal ein Schatz, den man nach einer verschlüsselten Karte suchen muss… Das ist meistens sehr spannend!

Ich danke Dir für das Interview.