father's and baby's hands

Kinder sind toll. Kinder sind anstrengend. Kinder geben Kraft. Kinder kosten Kraft. Schon bevor sie überhaupt auf der Welt sind.

„Kinder machen Väter stark“ titelt der Väterexperte Ralf Ruhl in seinem empfehlenswerten Buch. Aber machen sie Väter auch gesund? Oder eher krank…? Oder anders gefragt: wie kann mann denn Vater sein und gesund bleiben dabei, oder noch weiter: gesund oder gesünder leben dadurch?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die ziemlich bekannte und weitgehende Definition geprägt: „Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen.“

Nun ja, für unser Thema etwas hoch gehängt. Fangen wir mal vorne an. Zuerst mal ist die Zeit der Schwangerschaft eine Zeit von Veränderung: seelisch und körperlich bei der Mutter, seelisch auch beim kommenden Vater. Zumindest beim ersten Kind: Neue Pläne, gemeinsame Zukunft, jetzt auch zusammen wohnen, eine Familie gründen, solide werden…

Was für viele Frauen mit euphorischen Glücksgefühlen gekoppelt ist, löst bei den dazugehörigen Männern auch mindestens zwiespältige Gefühle aus: Lust und Freude auf Veränderung und mehr Zusammensein und Intimität paart sich meist mit Gedanken wie: jetzt ist mein Leben als freier Mann und Junggeselle endgültig vorbei. Nicht mehr mit den Freunden einfach in die Kneipe ziehen und spät und ordentlich angedüdelt nach Hause kommen, Wochenenden schön auf dem Sofa rumhängen und was aus der Kiste rausgucken, und wie wird das eigentlich mit dem Sex, wenn da einer kleiner Wurm ist?

Ein Mann hat das mal prägnant zusammengefasst: „In dem Moment, als ich von der Schwangerschaft erfuhr, dachte ich: jetzt ist mein Euro nur 50 Cent wert“.

Dabei spielt es auch keine Rolle, ob diese Gedanken dem Verlust von Freiheit überhaupt gerechtfertigt sind – häufig führen Männer schon vor dieser Nachricht ein „solides“ Beziehungsleben.

Im Gefühl aber und der Vorstellung purzeln die Bilder hintereinander weg und die Richtung scheint deutlich abwärts zu sein: ich bin dann gefesselt, angekettet, mein Leben ist vorhersehbar, auf das erste Kind werden weitere folgen, das größere Auto muss folgen, eine größere Wohnung, die (Schweiger)elternbesuche drohen andauernd, ich habe keine Zeit mehr für meine Hobbys, meine Freunde, und am Ende winkt das Schreckgespenst von Pärchen-Abenden, bei dem die Kinder zusammen übernachten, und die Eltern reden permanent über die Konsistenz und Farbe der kindlichen Darmausscheidungen, welche Worte gut gesprochen werden und welche nicht, und das Frühförderprogramm in der Musikschule fordert häufiges Getröte auf der Blockflöte… Puuh. Da kann man schon mal richtig Schiss bekommen – dummerweise nicht zu Unrecht.

Schwangerschaft und Geburt eines Kinds ist eine enorme Nagelprobe auf die Haltbarkeit und Belastbarkeit einer Liebesbeziehung, und so trennen sich viele Paare in den ersten 18 Monaten nach der Zeugung (Valide Zahlen sind leider kaum zu bekommen).

Die Sprengkraft liegt in den enormen Umwälzungen, die dieses Ereignis für beide zur Folge hat und den völlig neuen Rollen, die beide kreieren, annehmen und ausfüllen müssen.

Gerade in der ersten Zeit fällt dies den Müttern leichter: in ihrem Körper fühlen sie bald die Bewegungen des Babys, der Körper verändert sich stark und bringt emotionale Veränderungen von selbst mit sich. Die Verbundenheit, die eine Mutter mit dem Fötus in sich fühlt, und die damit auch Sicherheit und Kraft gibt, ist für den werdenden Vater überhaupt nicht zu FÜHLEN. Das ist erst mal nur ein Gedanke, eine Erkenntnis, die mit seinem körperlichen Erleben nichts zu tun hat. Es ist oft eine schwer zu überbrückende Kluft dann zwischen dem emotional prallen Mutter-Kind-Gefühl und dem intellektuellen männlichen Denken an ein gemeinsames Kind. Klar, woher soll das auch kommen? Er kann das Wachsen des Bauches sehen, befühlen, sich irgendwann die Ultraschallbilder angucken… aber es bleibt lange abstrakt, zumindest bis die Tritte des kleinen sicht- und fühlbar werden.

Aber gut, wem meine Betonung auf die problematischen männlichen Sichtweisen der Schwangerschaft nicht gefällt: auch die freudige Vorbereitung auf ein Kind verändert vieles.
Männer werfen sich dann in die praktische Vorbereitung: Zimmer streichen, Wohnung suchen, sich um Auto, Kinderwagen, Möbel, Formulare für Elterngeld kümmern. Währenddessen ist die werdende Mutter viel mit Gedanken an das neue Leben in ihrem Bauch beschäftigt, mit Überlegungen zu Geburtsmethode, Geschlecht und Namen des Kindes, und welche Farbe das Kinderzimmer haben soll. Spätestens wenn sie 3 Monate vor dem Geburtstermin unnachgiebig fordert, das Zimmer muss jetzt fix und fertig eingerichtet sein, inklusive bereit liegenden Stramplern, Hemdchen und Windeln oberhalb der Wickelauflage…. Oder der überwiegend auf weibliche Bedürfnisse ausgerichtete Geburtsvorbereitungskurs beginnt, und dem baldigen Vater dämmert, dass sich seine Rolle während der Geburt auf Geduld, Präsenz und Rückenstärkung eher im emotionalen Bereich beschränken wird – und den meisten Männern liegt diese eher „passive“ Rolle nicht und ist ungewohnt – hat ein Mann den starken Verdacht, dass er und die Freundin/ Frau doch in sehr weit voneinander entfernten Universen leben.

Damit sind wir zurück bei der Ausgangsfrage: wie kann mann dabei gesund bleiben? Natürlich ist eine kommende Elternschaft überhaupt keine Krankheit, sondern ein Glück – aber wie umgehen mit der Belastung?

Was werdende Väter in dieser Zeit brauchen, um sich gut und wohl zu fühlen und optimistisch und freudig in die Zukunft als Vater zu blicken , ist eigentlich simpel, aber doch ganz schön schwer:

Die beiderseitige Auseinandersetzung, das Gespräch über die Lebensvorstellung als Eltern. Je früher das stattfindet und je mehr es gelingt, eine gute Atmosphäre zu schaffen, die geprägt ist durch Neugier und Akzeptanz des Anderen, Offenheit, Vertrauen und einem Gefühl: wir haben Lust zusammen Eltern zu sein, und wir packen das schon!, je eher kann die Vaterschaft für einen Mann eine erfüllende Rolle und ein zentraler Pfeiler seiner Identität und seines Lebens sein.

Dazu gehört natürlich auch die für diesen Prozess nötige Klarheit über die eigenen Wünsche, Bedürfnisse, Gefühle und auch biografische Prägungen durch den eigenen Vater. Das ist ein Prozess, in den man sich zusammen hineinarbeiten kann und muss, da muss ja nichts fertig sein, woher auch?

Das Schwierige an der Elternschaft ist für beide, dass es dabei immer irgendwann und manchmal sehr lange wirklich ans Eingemachte geht: Wertvorstellungen, Lebenskonzepte, Autonomie versus Zugehörigkeit und Intimität, Glaubenssätze, die einen Mann prägen, die er mitbekommen hat durch seine Eltern – einige davon lehnt er meist ab, aber welche?, andere möchte er übernehmen oder neu einführen – Konflikte zwischen -vermeidung und Streitlust, der Umgang mit Grenzen.

Kaum ein Bereich unseres Lebens konfrontiert uns so gnadenlos mit uns selbst, den eigenen Hoffnungen Sehnsüchten, Träumen, Ängsten und Sorgen, unseren Fähigkeiten wie unserer Begrenztheit, auch unserer Liebe und Fürsorglichkeit.

Das Beste, was mann als junger Vater tun kann um gut und aufrecht durch diese Zeit zu kommen: sich klarzuwerden über die Vorstellungen und Bilder von Vaterschaft, diese zu überprüfen, und die eigenen daraus zu schmieden und in Kontakt mit der Mutter zu bringen. Das erspart auch viele Streits in den kommenden Jahren, weil irgendwann die Themen eh auf den Tisch kommen…

Und um es vorwegzunehmen: Klarheit im Denken und Geradlinigkeit in der Selbstbehauptung um männliche Sichtweisen bei Aufzucht und Erzeihung des Kindes braucht so ziemlich jeder Vater. Auch junge Frauen, die mit einem ehr befreiten Weltbild aufgewachsen sind, klassisches Geschlechtervorstellungen ablehnen und dies auch leben, neigen plötzlich dazu sich selbst qua Geburt als amtliche Expertinnen in Kinderaufzucht zu sehen und zu benehmen, während sie für den Vater nur die Rolle des ungeschickten Assistenten vorgesehen haben ist, der alles so machen soll, wie sie es möchte (dies aber nicht hinkriegt).

Mehr dazu im chronologischen Ablauf des Vaterwerdens nächste Woche im nächsten Beitrag von mir. Bis dann!