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DAK-Gesundheitsreport Gender

Im März dieses Jahres hat die Krankenkasse DAK Gesundheit ihren jährlich erscheinenden Gesundheitsreport 2016 veröffentlicht, Herausgeber ist Prof. Herbert Rebscher, Vorsitzender des Vorstandes der DAK Gesundheit. Die Autoren des Berichtes sind Mitarbeiter/innen des IGES Institut, die mit der Auswertung der Daten sowie einer repräsentativen Befragung beauftragt wurden. Die Reihe der Beiträge zur Gesundheitsökonomie und Versorgungsforschung der DAK erscheint seit 2003, in diesem Jahr wurde der Berichtsschwerpunkt Gender und Gesundheit gewählt. Die DAK Gesundheit ging 2012 aus einem Zusammenschluss der Deutschen Angestellten-Krankenkasse, der BKK Gesundheit und der BKK Axel Springer hervor und zählt Anfang 2015 4,6 Mio. Mitglieder (ca. 6 Mio. Versicherte) und gilt als drittgrößte Krankenkasse in Deutschland. Dies ist wichtig zu wissen, werden im Bericht eben Daten über die Versicherten der Krankenkasse berichtet, was aufgrund der Besonderheiten der Mitlgierstruktur nicht als repräsentativ für alle Versicherten in Deutschland gilt.
Die Datengrundlage des Reports basiert dabei nicht nur auf den Daten der Krankenkasse. Neben der Analyse vorhandener Literatur wurde eine standardisierte online-Befragung von ca. 5000 Beschäftigten im Alter von 18 bis 65 Jahren durchgeführt, eine halbstandardisierte Befragung von Expertinnen und Experten (insgesamt haben 10 Experten/Expertinnen teilgenommen) soll weiterhin zur ergänzenden Exploration relevanter Aspekte sowie zur Bewertung von Hypothesen beitragen.

Was wird in dem Bericht gesagt?

Zu Beginn des Berichts wird die Datenbasis beschrieben, also die erwerbstätigen Mitglieder der DAK-Gesundheit und die Zusammensetzung nach Alter und Geschlecht. Dies waren im Berichtszeitraum 2015 Daten über 2,7 Mio. Mitglieder der DAK-Gesundheit, die sich zu 57% aus Frauen und zu 43% aus Männern zusammensetzen – dabei werden nur Daten über Mitglieder berichtet, für die im Jahr 2015 eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorlag. Da die DAK Gesundheit historisch gesehen besonders Angestellte versichert, betrifft dies häufig Beschäftige in typischen Frauenberufen (z.B. Gesundheitswesen, Handel, Büroberufe). Hinsichtlich der Altersverteilung der Versicherten zeigt sich ab dem Alter der 35-Jährigen ein höherer Anteil an Frauen. Zur Vergleichbarkeit mit den Zahlen anderer Ersatzkassen werden Alters- und Geschlechtsstrukturen standardisiert und damit vergleichbar gemacht.

Im zweiten Kapitel werden die wichtigsten Kennzahlen des Arbeitsunfähigkeitsgeschehens (AU-Geschehen) der Jahre 2010 bis 2015 dargestellt. Der Krankenstand der DAK Gesundheit bewegt sich dabei in den letzten Jahren auf einem relativ niedrigem Niveau mit Krankenstandanteilen zwischen 3,7 %– 4,1%, wobei der Krankenstand 2015 leicht auf 4,1% gestiegen ist. Folgend werden Einflussfaktoren auf den Krankenstand beschrieben (u.a. Faktoren auf volkswirtschaftlicher Ebene als auch betriebliche Faktoren) sowie Strukturmerkmale des Krankenstandes.
In Kapitel 3 wird die Arbeitsunfähigkeit nach Krankheitsarten aufgeschlüsselt. Auf Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems (21,7%), Erkrankungen des Atmungssystems (16,6%) sowie auf psychische Erkrankungen (16,2%) entfallen 2015 mehr als die Hälfte aller Krankheitstage. Dabei unterscheiden sich Männer und Frauen insofern, dass Muskel-Skelett-Erkrankungen bei Männern einen höheren Anteil (23,8%) als bei Frauen (19,5%) ausmachen, psychische Erkrankungen bei Frauen hingegen eine größere Bedeutung haben als bei Männern (19,4% vs. 13,2%). Weiterhin nehmen Verletzungen bei Männern mit 14,6% den dritten Rang ein während es bei Frauen 8,7% sind.
Hier finden sich also schon erste Hinweise auf Unterschiede des Krankenstandes zwischen Männern und Frauen. Dies wird im Kapitel 4 Gender und Gesundheit weiter ausgeführt.

Gender und Gesundheit – Männer und Frauen im Arbeitsunfähigkeitsgeschehen

Das Kapitel Gender und Gesundheit beginnt mit einer Zusammenfassung der wichtigsten Unterschiede im AU-Geschehen zwischen Männern und Frauen. So liegt der Krankenstand der Frauen im Jahr 2015 bei 4,4%, der der Männer bei 3,9%. In Fehltagen ausgedrückt hatten Frauen also ca. 194 Fehltage mehr und somit einen knapp 14% höheren Krankenstand als Männer, dabei sind mehr Männer als Frauen kein einziges Mal krankgeschrieben. Die Analyse der Strukturen des Krankenstandes zeigte weiterhin, dass Frauen häufiger krankgeschrieben sind als Männer, aber nicht länger. Bei den Ursachen der AU spielen vor allem die psychischen Erkrankungen, Erkrankungen des Atmungssystems und Neubildungen bei Frauen eine größere Rolle, während für die Fehltage der Männer Verletzungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems von größerer Bedeutung sind. Diese ersten Befunde decken sich laut Autoren auch mit den Statistiken des Bundesministeriums für Gesundheit, wo ein Unterschied von 12% im Krankschreibungsgeschehen berichtet wird. Auch sind diese Unterschiede im Zeitverlauf stabil. In den folgenden Unterkapiteln werden eine Reihe von Hypothesen bearbeitet, die klären sollen, warum sich das AU-Geschehen zwischen Männern und Frauen unterscheidet. Anhand dieser Thesen werden im Folgenden die Ergebnisse des Gesundheitsreports zusammengefasst (Vgl. Marshall et al. 2016):

  • Die These, dass Frauen eine höhere Morbiditätslast tragen als Männer konnte zum Teil bestätigt werden. Vor allem eine höhere Prävalenz von psychischen Erkrankungen unter Frauen (und hier v.a. von Depression) sowie Neubildungen im erwerbsfähigen Alter (insbesondere Brustkrebs) sind stärker von Bedeutung als für Männer. Zwar tragen bei bestimmten Diagnosen wie Verletzungen oder Herz-Kreislauferkrankungen Männer die größere Morbiditätslast, bei den meisten für das AU-Geschehen relevanten Krankheiten sind es dennoch die Frauen, die zu größeren Anteilen davon betroffen sind.
  • Dass Frauen häufiger als Männer in Branchen oder Berufen mit hohem Krankenstand arbeiten konnte für den höheren Krankenstand bei Frauen weitgehend ausgeschlossen werden. Durch eine multivariate Analyse unter Kontrolle von Branche (und weiteren Tätigkeitsmerkmalen) konnte das Geschlecht als von anderen Merkmalen unabhängiger Einflussfaktor auf den Krankenstand bestätigt werden.
  • Für die These, dass Frauen häufiger in Branchen und Berufsgruppen mit hohem Krankenstand, d. h. in belastenderen Branchen und Berufen, arbeiten konnte eine gewisse Evidenz hergestellt werden. So zeigen die Ergebnisse der Beschäftigtenbefragung, dass es tatsächlich Frauen häufiger als Männern unmöglich ist, mit Krankheitssymptomen zur Arbeit zu gehen, weil sie häufiger Kunden- bzw. Patientenkontakt haben.
  • Schwangerschaftskomplikationen tragen zum höheren Krankenstand der Frauen bei – dies konnte durch die Analyse der Arbeitsunfähigkeitsdaten bestätigt werden. Je nach Altersgruppe machen Schwangerschaftskomplikationen fast sieben Prozent der Arbeitsunfähigkeitstage aus und erklären bis zu 73 Prozent des Geschlechterunterschieds im Krankenstand. Über alle Altersgruppen hinweg erklären Schwangerschaftskomplikationen etwa 12 Prozent des Krankenstandunterschieds zwischen Männern und Frauen.
  • Dass Frauen eher zum Arzt gehen, Männer dagegen den Arztbesuch eher herauszögern ist in der Literatur oft beschrieben und konnte auch in den Behandlungsdaten bestätigt werden. Ob dies allerdings ursächlich für einen höheren Krankenstand der Frauen ist, kann durch die Analysen nicht belegt werden.
  • Die These Männer haben einen niedrigeren Krankenstand als Frauen, weil sie häufiger krank zur Arbeit gehen, also so genannten Präsentismus betreiben trifft laut dem Report nicht zu. Es seien vielmehr die Frauen, die etwas häufiger Präsentismus betreiben, also krank zur Arbeit gehen.
  • Dass Frauen sich häufiger krank melden als Männer, weil sie sich im Falle der Krankheit ihrer Kinder nicht anders zu helfen wissen wird von Frauen (ca. 27%) zumindest häufiger angegeben als von Männern (ca. 18 Prozent).

Als Fazit des Berichts lässt sich festhalten, dass eine Analyse des Krankenstandes nicht ausreicht, um Gründe und Einflussfaktoren auf diesen zu untersuchen. Mit der Beschäftigen- und Expertenbefragung wurde mit dem Bericht ein Schritt weiter gegangen.
Aus Sicht der „Männergesundheit“ hat die aktuelle Forschung die Ergebnisse des Berichts zum Teil schon überholt. Denn es ist mittlerweile erforscht, dass psychische Erkrankungen bei Männern oft nicht gut wahrgenommen bzw. diagnostiziert wurden und werden. So wurde z.B. deren differenzierte Erscheinungsform wie Suchtveralten oder Aggressivität anders zugeordnet. Indiz dafür ist sicherlich auch die hohe „Suizid-Erfolgsrate“, die bei Männern um das 3-10-fache höher ist als bei Frauen. Aus Sicht der Männergesundheit müssten weitere wichtige Fragen gestellt werden:

  • Aus welchen Gründen halten Männer evt. länger durch, auch auf Kosten der eigenen Gesundheit?
  • Werden in Betrieben bzw. von Vorgesetzten andere (auch unausgesprochene) Anforderungen an Männer gestellt?
  • Ist das „Funktionieren“ des Mannes im Betriebszustand selbstverständlicher als bei Frauen?
  • Berücksichtigt die betriebliche Gesundheitsförderung schon systematisch die potentiell unterschiedlichen Bedarfe von Männern und Frauen?
  • Wie sieht es mit der Umsetzung geschlechtergerechter Präventionsangebote in kleineren oder mittleren Betrieben aus?

Diese Fragen könnten in der weiteren Forschung aufgegriffen werden, wobei der DAK-Gesundheitsreport eine gute Datenbasis liefert. Auch für die Umsetzung des Präventionsgesetzes konnten mit dem Bericht wichtige Hinweise geliefert werden.

 

Quelle: Marschall J, Hildebrandt S, Sydow H, NoltingH-D (2016). Gesundheitsreport 2016 – Analyse der Arbeitsunfähigkeitsdaten. Schwerpunkt: Gender und Gesundheit. Beiträge zur Gesundheitsökonomie und Versorgungsforschung (Band 13). Rebscher H (Hrsgb). DAK-Gesundheit, Hamburg. Abrufbar unter: https://www.dak.de/dak/download/Gesundheitsreport_2016_-_Warum_Frauen_und_Maenner_anders_krank_sind-1782660.pdf