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„Patienten bevorzugen iPads gegenüber Ärzten bei der OP-Aufklärung“ – so klang ein Pressemeldung vom diesjährigen Kongress der europäischen Urologenvereinigung EAU, die gerade in München tagte. Was steckt da hinter? Das ist auf den ersten Blick leider nicht so klar, es handelt sich nur um eine Posterpublikation – also im Gegensatz zu Vollpublikation in einer Fachzeitschrift wird hier nur grob die Plausibilität anhand der Zusammenfassung bewertet bevor das Poster angenommen wird. Das Poster ist einerseits die Rechtfertigung für Wissenschaftler, zum Kongress fahren zu können – andererseits ein Mittel zum Austausch. Das Poster an sich gibt es meist nicht online – und den Postervortrag bekommt man auch nicht mit. Längst nicht alles was als Poster erscheint wird nachher „ordentlich“ publiziert, in verschiedenen Untersuchungen geht man von 20-40% Publikationsrate aus. Soweit nur als warnende Vorbemerkung – aber schauen wir uns die Studie mal an: Es wurden 80 Patienten vor Blasenspiegelung mit Einlage einer Harnleiterschiene untersucht, ein Eingriff, der nach einem Nierenstein oder Harnleiterstein notwendig sein kann.

Männer? Beim Urologen denken viele erstmal an Männer, aber diese Erkrankung trifft natürlich auch Frauen. In der Studie waren aber 75% Männer. OK. Das Durchschnittsalter war 54 Jahre; weitere Details, etwa zum Bildungsstand werden nicht genannt. Die Patienten wurden zufällig auf zwei Gruppen verteilt („randomisiert“). Die Videogruppe konnten sich auf einem iPad ein eine Videopräsentation mit einem animierten Cartoon über den Eingriff anschauen – die Kontrollgruppe wurde klassisch mündlich vom Arzt aufgeklärt. Danach wurden die Zufriedenheit und das Verständnis jeweils mit einem Fragebogen ermittelt. Die Zufriedenheit wurde mit dem CSQ-8 gemessen, ein validierter Fragebogen, bestehend aus 8 Fragen mit je 4 Antwortalternativen. Der Wertebereich geht von 8-32 Punkten, wobei mehr Punkte mehr Zufriedenheit bedeuten. Angaben dazu, welche Änderung des Wertes als relevante Änderung, abseits von statistischer Signifikanz zu sehen sind, habe ich nicht gefunden. Das Verständnis wurde mit einem eigenen Fragebogen mit 28 Fragen gemessen. Zu diesem Fragebogen gibt es keinerlei Informationen. Dann wechselte die Art der Aufklärung, also die iPad-Gruppe unterhielt sich mit dem Arzt, die Arzt-Gruppe bekam das iPad – und es wurde erneut befragt. Alle Patienten haben also beide Arten der Aufklärung kennen gelernt, nur die Reihenfolge unterschied sich. Zum Abschluss wurden alle Patienten nach der bevorzugten Art der Aufklärung befragt.

Die Autoren berichten, dass sich die gemessene Zufriedenheit mit einem CSQ-8 von 30,3 versus 29,1 Punkten nicht signifikant unterschieden hat. Die Zufriedenheit ist damit insgesamt auf sehr hohem Niveau, nahe an der Höchstpunktzahl von 32. Signifikante Unterschiede zeigten sich beim Wissensfragebogen mit 23,06 versus 20,02 Punkten. Eine weitere inhaltliche Bewertung ist hier leider nicht möglich, da der Fragebogen nicht eingesehen werden konnte. 81% aller Patienten bevorzugten letztlich die Videoaufklärung, nachdem Sie beide Aufklärungen erfahren konnten. Das ist eine deutliche Präferenz. Die Autoren geben leider nicht an, was der primäre Endpunkt der Studie ist, was problematisch bei der Bewertung der Statistiken ist: In jeder Studie kann (zumindest nicht ohne besondere statistische Planung) nur eine Frage mit ausreichender statistischer Sicherheit beantwortet werden. Das ergibt sich aus der festgelegten Irrtumswahrscheinlichkeit, die normalerweise bei alpha=0,05 (5%) liegt – d.h. man geht üblicherweise bei Studien davon aus, dass in 5% der Fälle (also 1 von 20 Studien) ein Effekt gesehen wird, auch wenn es keinen gibt. Wenn man nun an dieselben Daten mehrere Fragen stellt (also statistische Tests durchführt), dann addieren sich die Fehler – bei 20 Fragen ist eine Antwort falsch (genauer: falsch-positiv); man weiß nur leider nicht, welche. Hier wurden eventuell zu viele statistische Tests durchgeführt. Aber zurück zum Inhalt:

Warum durch die Videoaufklärung mehr Wissen vermittelt wurde erklären die Autoren nicht. Leider gibt es auch keine nach Geschlecht getrennte Auswertung. Mir bleibt es nur zu spekulieren: Hören Männer im Gespräch anders zu? Ist es das Selbst-Bestimmte, also selber das Gespräch, will sagen, das Gerät in Händen zu halten?

Um nicht weiter zu spekulieren, möchte ich die Frage umdrehen: Gibt es in Empfehlungen zum Erstellen von Informationen für Patienten Hinweise darauf, dass Männer anders angesprochen werden sollten als Frauen? Ich stelle die Frage bewusst weiter, also nur zum Thema Aufklärung, denn die Aufklärung im engeren Sinne ist ja an vom jeweiligen Land abhängige rechtliche Vorgaben geknüpft. So wäre eine reine Videoaufklärung ohne Arztgespräch in Deutschland nicht zulässig.

Im deutschen „Manual Patienteninformation“ des ÄZQ (das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin ist das wissenschaftliche Institut von Bundesärztekammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung) heißt es lapidar „Achten Sie auch darauf, ob bei diesem Krankheitsbild Unterschiede des Geschlechts oder der ethnischen Herkunft eine Rolle spielen können.“ Im Positionspapier „Gute Praxis Gesundheitsinformation“ des DNEbM (das Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V. ist eine wissenschaftliche Fachgesellschaft, die sich mit Theorie und Praxis der Evidenzbasierten Medizin beschäftigt) heißt es „Gesundheitsinformationen sollen in Komplexität, Inhalten und Verständlichkeit an die Bedürfnisse und Kompetenzen der Zielgruppe angepasst sein. Auch Besonderheiten wie muttersprachlicher und kultureller Hintergrund können für bestimmte Zielgruppen von Bedeutung sein. Zur Erhöhung der Relevanz, Verständlichkeit und Gebrauchstauglichkeit der Gesundheitsinformationen soll die Perspektive von Patientinnen und Patienten bzw. Nutzerinnen und Nutzern in die Entwicklung einer Information einbezogen werden.“ Spezifische Hinweise zur geschlechtsspezifischen Ansprache gibt es also für Gesundheitsinformationen im Deutschland nicht.

Das wundert ein wenig – so ist etwa „geschlechtergerechte Sprache“ ein Thema, bei dem es zu Hauf Handlungshilfen und Empfehlungen im Netz gibt. Zum Thema „geschlechtergerechte medizinische Inhalte“ gibt es noch viel zu tun!

Was ist Ihr Vorschlag, um es dem Mann besser zu sagen?