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Nun folgt der dritte Teil zu den Männern mit entZweiter Heimat mit Teilen aus meinem Buch. (siehe auch Teil 1 und Teil 2) …Sahap Eraslan, psychologischer Psychotherapeut aus Berlin beschreibt einige erhellende Zusammenhänge zwischen dem kulturellen Hintergrund und typischem Verhalten, mit dem sich Ärzte und Gesundheitsförderer in Deutschland konfrontiert sehen.

Wie gelingt der Einstieg in ein Gespräch zur Gesundheit mit einem türkischen Mann?

Eraslan: „Die Männer kommen nicht gerne zum Arzt oder zum Therapeuten. Denn Krankheit heißt, ich bin schwach. Und der Arzt ist zudem ein Experte, damit eine starke Person, und dadurch potenziell auch eine Bedrohung für die eigene Stärke. Beides zusammen macht die Atmosphäre zwischen Klient und Arzt oder Therapeut häufig erst einmal kühl und der Mann spricht von sich aus nicht viel. Das ist bei deutschen Männern ja ganz ähnlich. Und auch hier sollte auf diese Rivalität nicht eingegangen werden.

Möchte man mit den Männern über Gesundheit oder überhaupt ins Gespräch kommen, sollte erst einmal über die Arbeit geredet werden. Die Arbeit ist das Erfolgsfeld des türkischen Mannes. Hier verdient er sein Geld. Auch über Sport oder Politik kann gesprochen werden. Fast alle Männer sind Politikexperten. Ein weiteres Thema sind Frauen. Allerdings auf einer sehr allgemeinen Ebene, beispielsweise die deutschen Frauen. Die eigene Frau ist eher tabu. Das sind Lieblingsthemen der türkischen Männer, wenn Sie mit ihnen ins Gespräch kommen wollen.“

Die Begrüßung „Merhaba“ führt ins Gespräch

Eraslan: „Häufig spricht der behandelnde Arzt oder Therapeut kein Türkisch. Dennoch wäre es angemessen, einige Wörter in der Landessprache zu kennen, um so Respekt zu zeigen. Sogar in der Therapie wird nicht immer Türkisch gesprochen. In manchen Bereichen kann die Fremdsprache auch eine gewisse emotionale Distanz entstehen lassen, die es der Person leichter macht, über Dinge zu sprechen. Wer jedoch kein Wort Türkisch spricht, zeigt dem Gegenüber: Deine Sprache ist eine minderwertige Sprache. Diese Entwertung spürt die Person. Wenn die deutschen Kollegen ein Interesse an dieser Kultur und Sprache zeigen würden, würde es die Öffnung, die Migrationsöffnung, ermöglichen. Ich selbst lerne in jedem Land einige Wörter der Landessprache und trage ein Wörterbuch mit mir. Ich finde, der Kontakt wird dadurch viel leichter. Ich habe deutschen Lehrern Vorträge gehalten: Wann waren Sie in einem türkischen Restaurant? Können Sie drei Wörter in Türkisch sagen? Wenn man 25 Kinder vor sich hat, die alle Türken sind, und die Lehrerin trägt in den Kalender Weihnachtsferien ein, aber nicht das Ramadan-Fest, fühlen sich die Kinder vernachlässigt. Sie sind verletzt und gekränkt. Sie können ganz ein- fach zur Begrüßung ‚Merhaba’ sagen‚ ,Guten Tag’. Sie werden merken, wie sehr sich Ihr Gegenüber freut. Er möchte auch ernst genommen werden und als Mensch akzeptiert sein. Darum geht es. Die Sprache an sich ist erst mal nicht so wichtig, es geht darum, dass die Leute das Vertrauen entwickeln, dass sie die Nähe spüren können, dass eine Beziehung möglich ist.“

Wer gibt, bekommt: Kommunikation ist ein Geben und Nehmen

Eraslan: „Jede Kommunikation, jede Beziehung basiert auf einer Tauschbeziehung. In westlichen Kulturen ist das der Warentausch. In Kollektivkulturen wie der Türkei ist das der Gabentausch. Wenn die Patienten rechtzeitig zu mir kommen und 20-mal hintereinander die Termine wahrnehmen, haben sie das Gefühl, dass sie mir eine Gabe anbieten, weil sie mich ernst nehmen und pünktlich kommen usw. Und sie erwarten von mir eine Gegengabe, dass ich zum Beispiel mit Höflichkeit reagiere. In dieser Beziehung muss auch dieses Warentauschmuster wahrgenommen werden. Wenn ich nicht ‚Guten Morgen’ sage, sondern ‚Merhaba’, heißt das, ich reiche eine Gabe in Form von Höflichkeit. Dann ist der andere gezwungen, eine Gegengabe zu leisten, indem er zum Beispiel die Fragen beantwortet oder pünktlich erscheint.“

Die kollektive Kultur mitdenken, dann kann sich die Tür zu mehr Selbstfürsorge öffnen

Eraslan: „Die türkische Kultur ist eine kollektive Kultur, im Gegensatz zur deutschen Kultur, die eine individuelle Kultur ist. Wenn ein Türke zu uns kommt, möchte er nicht sich selbst helfen, sondern er möchte seiner Familie helfen, also seinen Eltern, seiner Frau oder den Kindern. Das heißt, wenn sie mit dem Auftrag oder der Vorstellung hierher kommen, dass sie sich selbst und ihrer Familie helfen, dann bringen sie die Erlaubnis ihrer Familie mit. Auf dieser Basis wird dann auch möglich, dass in den Gesprächen beispielsweise herauskommt, dass der Mann mehr für sich tun sollte – Sport oder auch einfach Zeit nehmen für seine eigenen Interessen. So etwas würde der kollektiv geprägte Mann von sich aus nicht tun. Nur, wenn klar ist, dass das Kollektiv, die Familie, auch dafür ist und letztlich sogar davon profitiert, dann kann es gehen. Dann geht es darum, einen Kompromiss zwischen dem Kollektiv und dem Individuellen zu finden. Insofern kann Krankheit für türkische Männer auch durchaus ein Weg sein, um im Schutz der Krankheit und mit der Unterstützung der ärztlichen Empfehlung mehr individuelle Selbstfürsorge zu entwickeln, die vom Kollektiv akzeptiert wird.“

„Deutschland hat mich kaputt gemacht!“ – Was steckt hinter diesem oft formulierten Satz?

Eraslan: „In der Türkei muss ein Mann 25 Jahre lang arbeiten. Und ältere Menschen werden sehr respektvoll behandelt. Sie müssen keine schweren Arbeiten mehr verrichten. Das übernehmen die Kinder. Deshalb hat man fünf. Sie garantieren diese Alterssicherung. Ein Türke in Deutschland trägt dieses Konzept immer noch in sich, denn sie sind alt und brauchen lange, um sich zu verändern. Wenn ein Paar drei Kinder hat und fast 50 Jahre alt ist, die Kinder groß sind, vielleicht schon Enkelkinder da sind, haben sie in ihrer Vorstellung eigentlich schon die Rente verdient. Aber die deutschen Gesetze sagen, sie müssen noch 15 Jahre arbeiten. Das macht der Körper aber nicht mit. Und sie sind zudem gekränkt, weil sie die Dauer der Lebensarbeitszeit persönlich nehmen. Menschen mit türkischem Hintergrund erleben viele Kränkungen in Deutschland. In dem türkischen Ort, in dem sie geboren wurden, hatten sie eine Position, zum Beispiel Sohn des Dorfvorstehers. Das war fest und sicher. Durch die Migration verlieren sie ihre Position und ihr Prestige. Noch schlimmer. Sie werden nicht einmal herzlich in diesem Land aufgenommen. Und es ist sehr schwer, sich wieder eine vergleichbare Position zu erarbeiten. Es gibt die Schwierigkeiten mit der Sprache. Sie fühlen sich abgewertet und dumm. Dann gibt es die Fremdenfeindlichkeit in den Betrieben. Viele Familien haben schwere Zeiten erlebt. Die Kinder sind als ‚Kofferkinder’ groß geworden. Die Väter haben sich abgearbeitet, die Mütter haben unter Trennungen und Einsamkeit gelitten. Viele Türken sagen irgendwann, wenn sie sich mit 40 krank fühlen, dieses Deutschland hat mich kaputtgemacht. Die Ansammlung von Kränkungen und unverarbeitetem Leid führt zu dieser Klage.“

Die Migration bringt Konflikte mit dem Kollektiv mit sich

Eraslan: „Wer nach Deutschland migrierte, wurde von den Familienmitgliedern, die in der Türkei geblieben sind, als Retter angesehen. ‚Du wirst der Familie helfen, du bist ein großer Mann!’ usw. sind Sätze, die diejenigen dann hören. Das Problem ist, dass ich mich selbst nicht groß fühle in der neuen Gesellschaft. Ich muss ganz unten anfangen und mir sehr hart eine Position und Prestige erarbeiten. Zudem wird mir irgendwann klar, dass ich nicht zurückfahren kann, wenn ich meinen Weg weitergehen möchte. Ich komme nach Hause und habe eine neue Frisur. Mein Vater sagt, du bist ein Deutscher geworden. Dann muss ich die deutsche Kultur hier in Schutz nehmen. Und dann befinde ich mich in einer Art Zweifrontenkrieg. Meine Eltern finden, ich verändere mich zum Deutschen. Ich fühle mich als Türke und möchte zugleich in der deutschen Gesellschaft bestehen. Ich muss den individuellen Weg gehen, wenn ich in der deutschen Gesellschaft bestehen möchte. Da gibt es einen Bruch. Ich bin erst Retter und dann Verräter. Ich selbst hatte die Möglichkeit zu studieren, sodass ich meinen Selbstwert ein wenig aufpolieren konnte. Aktuell habe ich einen Mann in Behandlung, der in der Türkei als Lehrer gearbeitet hat und hier für fünf Euro pro Stunde im Dönerladen arbeiten muss. Er wird als Retter betrachtet, aber er kann sich selbst nicht retten.“

Man(n) ist den Eltern lebenslang etwas schuldig

Eraslan: „Im Islam ist die Familie heilig. Die Familie ist deshalb auch der Ort, wo die Krankheit entsteht. Das heißt, ich habe Probleme mit meinem Vater, mein Vater mit mir, bewusst, unbewusst, mit meiner Mutter usw. Wenn die Mutter, Familie, Vater heilig sind, sind auch sie die wichtigsten Bezugspersonen im erwachsenen Alter. Es gibt sogar ein Verschuldungskonzept in muslimischen Kulturen. Von Geburt an bin ich meinen Eltern gegenüber schuldig, weil sie mich zur Welt gebracht haben, weil sie mich großziehen. Solange ich lebe, wird dieses Verschuldungskonzept von der Familie überwacht. Wenn ich also etwas tue, was gegen die Familie geht, dann spricht die Familie nicht mehr mit mir und das gesamte Kollektiv, die Nachbarschaft, alle weiteren Verwandten usw. haben ein negatives Bild von mir. Diese Schuld kann nie beglichen werden. Es gibt ein Sprichwort in der muslimischen Kultur, ‚Mutter spricht mich frei’. Die Eltern müssen ihr Recht, bevor sie sterben, freisprechen, sonst bleibe ich in Schuld. Die Autonomievorstellung im europäischen Sinne, dass man mit 18 erwachsen und auch innerlich unabhängig von den Eltern sei, existiert bei uns nicht. Wir können sogar in der türkischen Kultur in manchem Sinne nicht von ‚ich’ reden, sondern wir reden von ‚wir’, der Familie, dem Kollektiv. Wenn die Familie heilig ist, ist es logisch, dass das Kollektiv mich bestraft, wenn ich respektlos mit den Familienmitgliedern umgehe, zum Beispiel mit Kontaktabbruch. Und Gott bestraft mich dann auch. Doch diesen Konflikt kann man nicht zur Sprache bringen und bearbeiten. Dann beginnt der Körper zu sprechen. Die Somatisierungstendenzen der türkischen Männer sind also erst einmal eine Rationalisierung des Unwohlfühlens. Und zum zweiten eine Objektivierung der subjektiven seelischen Beschwerde in eine körperliche Beschwerde, die für alle objektiv sichtbar ist.“

Der Zwang zum Erfolg kann belasten

Eraslan: „Wir Türken hatten immer die Migrationsidee nach Mohammed: Wir werden erfolgreiche Migranten sein. Das beschreibt irgendwie die Haltung des modernen Türken. Wir werden in diese Länder gehen, erfolgreich sein, zurückkommen und erfolgreiche Migranten sein. Das ist unser Beweis des Erfolges. Gerne wird deshalb auch ein großes Auto gefahren. Der Prestigewagen, der überall mit hingenommen und vorgezeigt werden kann, theoretisch auch in die Türkei. So dachte die erste Generation. Die zweite sagt sich, wir bleiben im Migrationsland, in Deutschland. Das ist modern.“

Sie sehen, wie umfangreich das Thema des türkischen Migrationshintergrundes ist. Vielleicht ist jetzt vieles verständlicher, logischer und besser nachvollziehbar. Meine Kompaktempfehlung im Umgang mit Männern mit türkischem Migrationshintergrund lautet:

Respekt geben, zuhören können und Gegenrespekt annehmen.

Abschließend wünsche ich Ihnen wie immer eine gesundheitliche Woche.