Männer lösen ihre Probleme selbst, und wenn es das letzte ist was sie tun – Suizidalität bei Männern. Laying on the Rails

Ich möchte Sie an dieser Stelle nicht all zu lange mit Daten und Statistiken belästigen. Es braucht im Grunde aber auch nur eine einzige Zahl, eine einzige Statistik, um die sehr enge Verbindung zwischen Mann-Sein und Selbsttötung zu illustrieren: Circa 75 Prozent der Menschen, die sich in Deutschland selber umbringen, sind Männer. Und diese Tendenz ist steigend, im Jahre 1980 etwa waren es noch weniger als zwei Drittel. Und wenn wir nach Osteuropa/Nordosteuropa schauen, also auf die Länder mit den höchsten Suizidraten überhaupt, dann treffen wir in der Regel auf 80-85 Prozent männliche Suizidopfer. Wie aber kommt es zu dieser fatalen Verknüpfung von Männlichkeit und Suizid? Ich möchte hier zwei Gedankengänge dazu anreißen (und zwei weitere noch in meinem nächsten Blog), von denen ich im Übrigen auch annehme, dass sie für die praktische Arbeit mit suizidalen Männern nicht völlig irrelevant sind.

1: Männliche Suizide werden nicht (nur) durch das Auftreten sehr starker Gefühle begünstigt, sondern im Gegenteil durch eine starke Abwehr von Gefühlen! Es ist offensichtlich und entsprechend auch ausreichend thematisiert, dass Suizide häufig in Folge des massiven Auftretens starker Gefühle geschehen. Entsprechend geht es in der Arbeit mit akut suizidgefährdeten Menschen häufig auch darum, Gefühle erst einmal herunterzuregulieren. Gerade bei Männern ist aber auch die genau entgegengesetzte Problematik durchaus suizidförderlich, nämlich eine starke Abwehr von eigenen Gefühlen und Impulsen. Denn die bei Männern weit verbreitete Abspaltung von Gefühlen bringt logischerweise auch eine Unfähigkeit mit sich, in seinem Leben – neben den belastenden Aspekten – freudvolle, sinnvolle Dinge zu entdecken, die einem den Suizid verunmöglichen würden. Denn um diese positiven Dinge entdecken zu können, braucht man einen intakten Gefühlszugang, das läuft eben nicht allein über den Kopf, den Verstand. Wir können ja im Fernsehen, vor allem im „Tatort“ oder anderen Krimis, fast allabendlich Suizidprävention in Akutfällen beobachten: Am Ende des Films steht ja der Mörder – wenn er denn überführt ist – meist auf einem Fenstersims oder richtet die Waffe gegen seinen Kopf; und Frau Odenthal oder Frau Lindholm oder die Herren Borowski, Ballauf, Schenk reden auf den Mann – denn in der Regel ist es ja ein Mann – ein, um ihn von dem Sprung oder dem Schuss abzuhalten. Und meist machen sie das auch gar nicht schlecht, weil sie nämlich nicht versuchen, die negativen, belastenden Gefühle von Schuld, Trauer oder Angst vor dem Gefängnis zu relativieren: Sie sagen in der Regel nicht: „Mensch, komm, ist doch nicht so schlimm, dass Du den umgebracht hast!“ oder „Ach, die dreißig Jährchen im Knast, die sitzt Du doch locker ab!“ oder so. Sondern sie appellieren an ein – parallel zu den belastenden Gefühlen – vorhandenes positives Gefühl, etwa die Liebe zu den eigenen Kindern oder die persönliche Ehre oder einen anderen Aspekt, der für den Mann einen hohen Wert hat: Sie sagen also Dinge wie „Wie, glaubst Du, wird es Deinem Sohn gehen, wenn Du jetzt da runterspringst?“ oder „Wenn du jetzt abdrückst, dann kann keiner mehr gegen diesen fiesen Menschenhändler vor Gericht aussagen, dann gewinnt am Ende dieser miese Kerl, willst Du das?“

2: Männer, die gelernt haben, eigene Gefühle abzuwehren, konnten natürlich auch keine guten Umgangsweisen mit starken Gefühlen entwickeln – insbesondere nicht mit Hilflosigkeit! Der zweite Gedankengang schließt sich unmittelbar an den ersten an: Wenn viele Männer Gefühle aufgrund ihrer Sozialisation massiv abwehren, dann ist es nur logisch, dass sie kaum über adäquate Umgangsweisen mit diesen Gefühlen verfügen – vor allem nicht in Situationen, wo Gefühle plötzlich und/oder mit starker Kraft hervorbrechen. Das heißt zum einen, dass Männer mit massiven Gefühlen von Trauer, etwa nach dem Verlust eines geliebten Menschen, von Angst, etwa vor rapidem körperlichen Verfall, oder auch von Schuld, etwa nach einem schwerwiegenden eigenen Vergehen, im wahrsten Sinne des Wortes hoffnungslos überfordert sind. Aber auch das wäre ja noch nicht so schlimm, wenn sie dieses Gefühl der Überforderung, der fundamentalen Hilflosigkeit gut wahrnehmen und ebenso gut damit umgehen könnten. Aber leider ist Hilflosigkeit für uns Männer das schlimmste, sprich: das unmännlichste und damit am stärksten abgewehrte Gefühl überhaupt. Männer, die sich mit dem Auto verfahren haben, brauchen im Durchschnitt 30 Minuten, bis sie jemandem nach dem Weg fragen – Frauen 5 Minuten. Frauen, die eine psychische Problematik haben, brauchen im Durchschnitt auch nur 9 Monate, bis sie jemanden um Hilfe bitten – Männer 69 Monate. Und manche Männer fragen nie.

Fortsetzung folgt…