no futureIn den letzten fünf Jahren sind zwei Männergesundheitsberichte erschienen, die nachgewiesen haben, dass Männer genauso häufig wie Frauen unter psychischen Problemen leiden: bei jedem dritten Mann ist eine psychische Störung zu diagnostizieren. Demgegenüber steht, dass Männer deutlich seltener psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen. Der Anteil von männlichen Patienten in ambulanten Praxen beträgt 30 %. In den Männergesundheitsberichten wird dies mit traditionellen Maskulinitätskonzepten erklärt. Männern fällt es offenbar schwerer als Frauen psychische Probleme mit ihrem Rollenbild in Einklang zu bringen.

Da ist sicherlich etwas dran, greift aber zu kurz. Als Psychotherapeuten sind wir es gewohnt, bei Beziehungen immer von Wechselwirkungen auszugehen. Wenn Männer seltener zum Psychotherapeuten kommen, dann sagt das etwas über Männer aus. Aber eben auch über uns Psychotherapeuten. Dieser Aspekt wird nach meiner Einschätzung in der öffentlichen Diskussion zu wenig Rechnung getragen. Darum soll es in diesem Blog gehen.

Gendering zielt auf Frauen ab.
Gendering meint laut Wikipedia „die Berücksichtigung des Geschlechter-Aspekts im Sinne der Gleichstellung der Geschlechter“. Wir Psychotherapeuten scheinen da Männer weniger im Fokus zu haben. Ein Beleg gefällig? Die heutige (21.04.2015) Google-Anfrage zum Thema ‚Frauengerechte Psychotherapie‘ ergab 1260 Einträge. Zum Thema ‚Männergerechte Psychotherapie liefert Google nur 329 Ergebnisse. Meine Interpretation: in der Psychotherapie – und nicht nur hier – ‚gendern‘ wir mehr für Frauen als für Männer.

Sind Psychotherapeuten weniger männeraffin?
Frauen scheinen bei uns Behandlern beliebter zu sein. Möglicherweise weil sie uns mit weniger Skepsis begegnen. Aus Persönlichkeitsstudien wissen wir, dass Männer in der Gesamtheit weniger verträglich sind wie Frauen. Will heißen: sie zeigen sich misstrauischer, kritischer und wettbewerbsorientierter. Das hat schon jeder Psychotherapeut oder Arzt erfahren: Männer kommunizieren direkter, weniger diplomatisch und wenn wir kritisiert werden, dann meistens von männlichen Patienten. Das entspricht übrigens auch Studien aus beiden Männergesundheitsberichten: die Haltung gegenüber psychotherapeutischen Angeboten ist bei Männern deutlich kritischer. Nach meiner Einschätzung wird diese männliche Verhaltenstendenz zu wenig als Ressource angesehen – fordert uns eine solche Haltung doch heraus, unser Vorgehen sicher, präziser und widerspruchsfreier zu begründen.

Ist die therapeutische Arbeit mit Männern anstrengender?
In der Psychotherapie geht es darum, über seine psychischen Probleme zu sprechen, d.h. auch über seine emotionalen Bedürfnisse und Verletzungen. Es geht also um die Innenwelt. Männer sind aber mehr in der ‚Welt da draußen‘ zuhause. Zu ihrer Innenwelt haben sie einen schlechteren Zugang, weil diese weiblich konnotiert ist. Per se kommt das psychotherapeutische Vorgehen also mehr weiblichen Kommunikationsgewohnheiten und –vorlieben entgegen. Das entspricht auch meiner Erfahrung, dass es Männern schwerer fällt, in sich hineinzuhorchen und nachzuspüren, was sie erleben. Und dann kommt für sie die nächste Hürde, nämlich das Erlebte in Worte zu fassen.

Heißt das, dass die therapeutische Arbeit mit Männern anstrengender ist? Und sie deswegen seltener behandelt werden? Die letzte Frage lass ich an dieser Stelle bewusst offen. Die erstere kann ich beantworten: die Therapie mit Männern ist höchstens homöopathisch anstrengender. Die meisten Therapeuten verfügen über ein reichhaltiges Repertoire an Interventionen, die es den Patienten leichter macht, einen Zugang zu ihren Emotionen und Bedürfnissen zu bekommen. Überdies ist die Sprache der Gefühle kein Buch mit sieben Siegeln. Ein psychotherapeutischer Grundwortschatz lässt sich in wenigen Sitzungen vermitteln.

Männer und Psychotherapeuten – wer meidet wen? Gehen Männer seltener zum Psychotherapeuten oder nehmen wir Männer seltener in Therapie? Oder stimmt möglicherweise beides? Das lässt sich nicht so genau beantworten. Aufwerfen möchte ich aber zumindest die Frage, ob es in unseren Praxen nicht ein Gender-Bias zulasten von männlichen Patienten gibt.