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Warum jetzt ich auch noch?

Lange habe ich überlegt, ob ich zu diesem Thema hier etwas schreiben, mich auch noch an der Debatte beteiligen sollte. Die letzten Wochen waren die Medien voll davon, auch wenn das Interesse doch schon wieder schnell abgeflaut ist. Alle Experten und Nicht-Experten versuchten zu ergründen, warum Andreas Lubitz ein voll besetztes Passagierflugzeug hat abstürzen lassen. Wie konnte ein 27-jähriger Mann im Kopf eines Flugzeuges seinen Kopf so „ausschalten“ und diese Tat vollbringen? Worin lag sein Motiv? Welche Rolle spielte seine bestehende manisch-depressive Erkrankung? Und war es eher ein Amoklauf oder ein extreme Form eines erweiterter Suizides? Hätte man es verhindern können? Hätten die behandelnden Ärzte sich über ihre Schweigepflicht hinwegsetzen müssen? Hätten die Fliegerärzte es herausbekommen können? Hätte die Familie es melden müssen? Trägt irgendjemand Schuld daran?

Was ich dabei bislang in den Medien noch nicht wahrgenommen habe: Spielt es eine Rolle, dass es wieder mal ein Mann war? Ist da bei uns Männern etwas anders? Und sollten wir unseren „Bedarf“ anders gedeckt bekommen?

Der Suizidmann

Jeden Tag nehmen sich in Deutschland ca. zwei Männerfussballmannschaften das Leben. Natürlich kennen die sich nicht und sprechen sich auch nicht einzeln ab. Aber das sind über 20 Männer jeden Tag, ca. 7500 pro Jahr. Die meisten sind zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr. Eine weitere Gruppe von Männer, die es häufiger als andere tun, sind Männer im Rentenalter. Sie ziehen nicht selten Bilanz und setzen ihrem Leben ein Ende am selbst empfundenen Ende. Die jungen Männer hingegen haben häufig eine „versteckte“ Depression, sei es von einem Arzt diagnostiziert oder auch nicht.

Und bei den Frauen? Um im Klischee zu bleiben, sind es eine Kaffeeklatschrunde von ca. 6 Frauen täglich! Der Vergleich ist eigentlich unnütz, er zeigt aber schon deutlich, das Suizid eher ein Männerthema ist. Wir werden hier bei Männer-im-Betrieb.de in den nächsten Wochen noch mehr zu diesem Thema von unserem neuen Montagsschreiber Björn Süfke hören.

Die Männerdepression

Männer suchen bei seelischen Beschwerden weniger oder anders Hilfe als Frauen. Sie psychosomatisieren eher mit ihrem Körper oder drücken ihr Leiden zugunsten ihres Berufes einfach weg. Der Montagsschreiber Johannes Vennen schrieb hier vor einigen Monaten etwas zur Männerdepression (http://wp.me/p3eH4G-jn) Kurz gefasst, wir Männer reagieren bei depressiven Verstimmungen einfach anders. Schlafstörungen und Rückzug sind vielleicht nicht allzu männerspezifisch. Aggressives Verhalten, verstärkte Arbeitssucht, vermehrter Alkohol- und/oder Nikotinabusus sind doch aber schon eher Männerthemen.

Andreas Lubitz

Er suchte Hilfe! Hier und da! Möglichst so, dass er die Kontrolle behielt. Die vielen unterschiedlichen Ärzte und Besuchsanlässe sprechen eindeutig dafür. Bloß nicht zu viel Kontrolle abgeben und jemanden komplett in sich hineinschauen lassen. Was genau zwischen seinen Ärzten und ihm abgelaufen sein muss, kann ich natürlich nicht beurteilen. Aus meiner Männerarbeit und vielen Interviews weiß ich aber, dass solche Männer zwar Hilfe suchen, aber häufig „Unterberichter“ bleiben. Sie lassen wichtige Details oder ihre wahren Gedanken außen vor. Sie geben nur das preis, was eh schon bekannt ist und nicht allzu viel Einfluss auf ihre wichtigsten Lebenssäulen hat. Bei Andreas Lubitz wird es sein Job als Pilot gewesen sein.

Der Arbeitsplatz

Und wie steht es um solch einen Arbeitsplatz. Dieser Arbeitsplatz bekleidet in der Gesellschaft wohl immer noch die höchste Anerkennungsstufe und trägt die höchste Verantwortung. Hier darf man in keiner Weise Schwäche zeigen. Weder unter Kollegen, noch bei den regelmäßigen Testflügen im Simulator, noch beim Arzt. Wer hier schwächelt stürzt nicht ab, er kann aber in seiner beruflichen Laufbahn bzw. seiner Existenzgrundlage massiv eingeschränkt werden. Der Pilotenjob ist immer noch stark von männlicher Stärke geprägt. Jemand, dessen gesundheitliche Eignung für die Ausübung seiner Berufstätigkeit so existenziell entscheidend ist, geht ganz bewusst mit dem um, was über ihn bekannt wird oder nicht. Also warum sollte ein Andreas Lubitz auf einem nüchternen Fragebogen beim Fliegerarzt das Feld „Psychische Beschwerden“ ankreuzen? Ich hätte es vielleicht auch nicht getan.

Der behandelnde Arzt

Darf ich, mal allgemein gesagt, als Arzt Alarm auslösen? Wo fängt es an? Wenn ein Kinderarzt den Verdacht auf eine Kindesmisshandlung hat, darf er die Behörden einschalten, besser noch, er ist dazu verpflichtet! Im Folgenden berichte ich kurz von einer von mir erlebten Patientengeschichte, welche ich natürlich stark verändert habe. Ich arbeite immer wieder im kassenärztlichen Notdienst. Dort sass mir irgendwann einmal ein Polizist gegenüber. Dieser hatte wieder mal einen banalen Infekt, den vierten in einem halben Jahr nach Aussage des PC´s. Damit ging er nicht zu seinem Hausarzt sondern in die Notdienstpraxis. Dort sitzen immer unterschiedliche Ärzte, die nicht „drohen“, mit ihm in eine wirkliche Arzt-Patienten-Beziehung einzusteigen. Da ich so viele Infekte in kurzer Zeit auffällig finde, stellte ich ihm eine ernst gemeinte Frage: „Und wie geht es sonst so?“. Daraufhin brach er sofort in Tränen aus und berichtete mir von seinen massiven Problemen zu Hause. Der Mann war so emotional angeschlagen, wollte sich aber nicht helfen lassen, dass ich wirklich Sorgen hatte, er könnte suizidal werden. Ich fragte ihn ganz direkt danach. Er hatte daran auch schon einmal gedacht, war aber noch nie konkreter in seinen Gedanken und Handlungen geworden. Das beruhigte mich als Arzt nur bedingt. Als ich ihn fragte, ob er denn eine Dienstwaffe besäße, bejahte er diese Frage. Ja… was macht man nun da als Arzt? Ich darf damit nirgends hausieren gehen, solange sich nichts konkreter anhört. Er war ja nur wegen eines Infektes da. Ich bat in trotzdem am Folgetag sich beim Sozialdienst der Polizei zu melden. Ob er das getan, weiß ich allerdings nicht.

Auch bei Andreas Lubitz könnte es so abgelaufen sein. Ich will hier absolut nicht spekulieren. Aber ein Psychiater, bei dem er in Behandlung gewesen sein muss, kann normalerweise noch viel besser abschätzen, ob jemand suizidal ist oder nicht. Der Patient muss allerdings den Arzt aufsuchen, erzählen können und der Arzt muss auch wollen.

Der Eignungsarzt und seine Untersuchung

Und hiermit möchte ich auf uns Eignungsärzte kommen. Ich denke, wir sind auch ein Teil des Problems. Aufgrund der männerspezifischen Symptome einer solchen „anderen“ Depression müssen wir wissen, wie man damit umgeht und den Mann aus der Reserve locken kann. Meine These dabei ist, dass wir häufig Bilder von Berufen und Männlichkeiten im Kopf haben und somit auf das Verhalten des Gegenüber schließen. Als Arbeitsmediziner und Eignungsarzt muss man häufig erst einmal dicke Bretter bohren, um Vertrauen zu erzeugen. Man steht, ganz anders als sonst, nicht auf einer Seite mit dem Patienten und möchte die vorhandene Krankheit gemeinsam bekämpfen, sondern man steht sich gegenüber. Häufig Mann gegen Mann. Aus Sicht der eigenen Gesundheit ist es ja auch für den Mann selbst nicht unsinnig, bei fehlender Eignung nicht mehr in den gefährlichen Arbeitsbereich gelassen zu werden. Für einen Piloten ist das aber wohl schwer vorstellbar. Dies gilt natürlich auch für Polizisten, Feuerwehrleute oder Arbeiter in unterschiedlichen anderen Gefahrenbereichen. Wie soll man nun das Arzt verständlich transportieren? „Ich will Dir nichts Böses, aber gefährlich könnte es trotzdem für Dich werden!“ Wird die Eignung nicht erreicht, droht evtl. der Jobverlust oder der Mann bekommt ein angeknackstes Ansehen. Und kann ich als Arzt wirklich beurteilen, ob jemand etwas leisten kann oder nicht?

Bei Ärzten die die Tauglichkeit von Piloten überprüfen, muss man noch zusätzlich wissen, das auch diese selbst aktive Flieger sein müssen, nur dann behalten sie ihre Fliegerarztlizenz. Sie sind somit nicht nur der überprüfende Arzt sondern in gewisser Weise auch Fliegerkollege. Und in dieser Männerdomäne gilt immer noch ein gemeinsamer Fliegerkodex. Dafür ist Fliegen einfach noch zu sehr eine elitäre Freizeitangelegenheit. Ich frage mich dabei: Kann der eher starke, männlich konotierte Flieger und Arzt mögliche Schwächen des Fliegers gegenüber objektiv beurteilen? Und will er das überhaupt? Ich lass das mal so hier stehen.

Der Männerunterschied!

Zum Abschluss dieses heute etwas längeren Artikels möchte ich nur sagen: Wir müssen einfach mehr den Männerunterschied in der medizinischen Ausbildung, Diagnostik und Therapie thematisieren. Sonst werden uns noch mehr „Lubitz“-Männer durchgehen. Und es gibt von ihnen, mehr als sie denken, nur in anderer, wahrscheinlich schwächerer Ausprägung.

Nächste Woche lesen Sie mehr zu Männern und Suizidalität von Björn Süfke.

Trotz des schweren Themas wünsche ich Ihnen wie immer eine gesundheitliche Woche!