A man wears a new pair of shoes isolated

Vor einigen Jahren wurde von vielen Medien das Studienergebnis berichtet, dass immer mehr Menschen – in Österreich war es sogar eine knappe Mehrheit – die neuen Geschlechterrollen anstrengender finden als die traditionellen. Ich habe dem damals zunächst keine große Beachtung geschenkt, denn ich persönlich halte diese Aussage für eine Selbstverständlichkeit und finde sie auch nicht besonders abschreckend, da so ziemlich alles, was auf Dauer Spaß macht, anstrengend ist. Oder gibt es irgendetwas wirklich Befriedigendes und Erfüllendes, dem keine Anstrengung vorausgeht?

Erst später habe ich mitbekommen, dass dieser Befund aber von manchen Medienvertretern für einen freudvollen Abgesang auf die „überfordernden neuen Geschlechterarrangements“ geradezu „missbraucht“ wurde. Ich schaute mir daraufhin die Umfrageergebnisse aus Österreich noch einmal genauer an und stellte fest, dass es vor allem die als „(teil-)traditionell“ eingestuften Frauen und Männer waren, die diese Aussage mehrheitlich bejahten. Von den sogenannten „modernen“ Frauen und Männern stimmte nur knapp jeder Vierte zu. Das bedeutet also, dass von denjenigen, die die Thematik als Einzige beurteilen konnten, weil sie nämlich selbst Erfahrungen mit modernen Geschlechterrollen gesammelt hatten, nur eine absolute Minderheit von größerer Anstrengung berichtete.

Die Studienergebnisse zeigten zudem noch einen deutlichen Geschlechterunterschied. Während es bei den „modernen“ Frauen immerhin ein gutes Drittel war, das die neuen Geschlechterrollen anstrengender fand, sah das lediglich jeder Fünfte der als „modern“ eingestuften Männer so. Bei den über Sechzigjährigen, die die traditionelle Männerrolle in Kindheit und Jugend ja noch in voller Blüte und weitgehend unhinterfragt erlebt hatten, waren es sogar unter fünfzehn Prozent. Insbesondere für Männer also war und ist die Traditionelle Männlichkeit offenbar alles andere als unanstrengend.

Zugegeben, einen wesentlichen Vorteil hatte das rigide traditionelle Männerrollenkonzept: Es war stets klar, was zu tun war, wie man sein Leben auszurichten hatte. Aber bitte schön: Was war so toll daran, nur diese eine Möglichkeit der Lebensgestaltung zu haben? Okay, die Qual der Wahl, die wurde einem erspart, richtig! Dieser Argumentation zufolge müssten aber die Menschen in aller Welt rebellierend auf die Straße gehen, um ihre demokratischen Systeme zu stürzen und diktatorische Staatsformen einzurichten. Zwar gibt es diese Demonstrationen tatsächlich manchmal (die Teilnehmer tragen meist Waffen und sehr windschnittige Frisuren), meiner Wahrnehmung nach haben die meisten gesellschaftlichen Bewegungen aber eher die umgekehrte Stoßrichtung!

Oder schauen wir noch ein paar Jahrzehnte weiter zurück. Was war so befriedigend daran zu wissen: „Wenn irgendwer da oben just in dem Moment, wo sich endlich der ersehnte Nachwuchs eingestellt hat und ich nach langen Jahren der Plackerei das kleine Eigenheim für die Familie fertiggestellt habe, mal wieder einen Krieg führen möchte, dann wird man nicht dreimal raten müssen, wer in irgendeiner gottverlassenen Gegend fern der Heimat sinnlos in einen Kugelhagel rennen darf …“

Nichtsdestotrotz bergen diese neuen Möglichkeiten, die wir Männer im Zuge des Aufbrechens der Traditionellen Männlichkeit erleben, auch jede Menge Herausforderungen – und damit potentielle Krisen. Nehmen wir einmal den Bereich der Erwerbsarbeit: Berufstechnisch haben wir heute unheimlich viele Optionen, machen unterschiedliche Erfahrungen und erleben viel Spannendes, Bereicherndes im beruflichen Leben. Oft genug bildet sich dabei aber kein zentraler Sinn unseres Tuns heraus. Ein Sinn, der natürlich nicht zwangsläufig in der Erwerbsarbeit angesiedelt sein muss. So mancher von uns erinnert den eigenen Vater oder Großvater vielleicht viel lebendiger als lebenslang engagierten Rote-Kreuz-Helfer, Philatelist oder Fußball-Jugendtrainer denn als Lagerarbeiter oder Schuhverkäufer. Aber auch in der Freizeit geht heute der Trend hin zur „seriellen Monogamie“: Zwei Spielzeiten im Tischtennisverein, dann drei Jahre bei Amnesty International und während des Auslandssemesters mal beim Rugby reingeschnuppert. Lebenssinnstiftend ist das sicher nicht.

Aber zurück zur Arbeit: Wenn ich mir die Bildungs- und Berufskarrieren mancher jüngerer Männer ansehe, dann weiß ich manchmal wirklich nicht, ob ich sie angesichts der enormen Vielfalt ihrer Berufstätigkeiten beneiden oder wegen fehlender Kontinuitäten in ihrem Leben bemitleiden sollte. Vermutlich beides. Denn gerade die Unterschiedlichkeit der Tätigkeiten macht natürlich einen Reiz aus: Wenn ich persönlich nach einem langen Beratungstag nach Hause fahre, wünsche ich mir gelegentlich auch, ich wäre doch Mathematiker oder Betriebswirt geworden und dürfte am nächsten Tag mal stundenlang vorm Computer sitzen und rechnen. Andererseits bin ich aber auch relativ dankbar, dass ich mein Studium in den neunziger Jahren absolvieren durfte, wo man, wenn man sich für Psychologie interessierte, genau eine Studienmöglichkeit hatte, nämlich: Psychologie. Wenn ich heute bei Lehrveranstaltungen mit jungen Studierenden über die zahlreichen Spezialisierungsmöglichkeiten und auch -notwendigkeiten spreche, verstehe ich inhaltlich – das muss ich zugeben – nicht eben viel. Was ich aber sehr deutlich sehe, ist der geradezu flehentliche Ausdruck in ihren Augen, ich möge doch einen hilfreichen, sprich: orientierungsstiftenden Ratschlag aussprechen.

Und das alles, diese ganze heraus- und auch überfordernde Vielfalt, trifft auf eine Welt, in der die Weichen für den ganz großen Wurf immer frühzeitiger gelegt werden. Ich lehne mich mal aus dem Fenster und behaupte: In 30 oder 50 Jahren wird ein Bundeskanzler schwul, schwarz oder vielleicht sogar queer sein können, aber er wird kaum sein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg erlangt haben – wie damals Gerhard Schröder. Früher gab es sie noch, die Tellerwäscherkarrieren: Mit 28 Jahren Geschirr in einem Restaurant gespült oder Gebrauchtwagen verkauft, mit 50 Jahren Besitzer einer Restaurantkette oder einer Autohausdynastie. Das finden wir heute so nicht mehr. Heute gibt es Wunderkindkarrieren: Mit 12 den ersten Roboter in der Garage gebaut, mit 17 Leiter der IT-Sparte eines großen Konzerns. Das ist auch schön, aber es gibt da einen wesentlichen Unterschied. Der Unterschied liegt darin, dass die Würfel viel früher fallen.

So gibt es also theoretisch etliche Berufsmöglichkeiten, Abertausende von Betätigungsfeldern. Faktisch reduzieren sich die Chancen für die meisten jungen Männer jedoch drastisch. Parallel wächst das Risiko, dass sich die Berufswahlfreiheit in eine Berufswahllosigkeit – oder sogar eine Berufslosigkeit – wandelt. Als Soundtrack zu dieser Entwicklung singen der moderne Arbeitsmarkt und die Krise der Traditionellen Männlichkeit ein Duett für den jungen Durchschnittsmann von heute: „You can do anything! But you probably won’t!“

Es gibt keinen Anlass, nicht einmal den allerkleinsten, sich die Traditionelle Männlichkeit zurückzuwünschen: Sie war und ist anstrengend, gesundheits- und beziehungsschädigend. Aber gerade wir Männerarbeiter sollten deswegen nicht die Augen vor jenen Problematiken verschließen, auf die Männer in der heutigen gesellschaftlichen Umbruchsituation stoßen. Vielmehr sollten wir ihnen helfen, diese Herausforderungen aktiv anzugehen und die vielfältigen ihnen innewohnenden Chancen zu nutzen.

Mehr zu diesem Themenkomplex erfahren Sie ab morgen in dem neuen Buch von Björn Süfke. Sie finden hier mehr dazu!