dirty work gloves, isolated on white

Die staatliche Gesundheitsaufklärung dient dem vorrangigen Ziel, den Menschen zu gesundheitsgerechtem Verhalten anzuleiten. Gleichzeitig werden implizit aber auch Vorstellungen über andere Lebensinhalte vermittelt. Die Medien der Gesundheitsaufklärung transportieren bspw. auch immer implizit Vorstellungen über das richtige Verhalten als Mann bzw. Frau im gesundheitlichen Kontext und geben somit Leitbilder vor.

Das für das Männerleitbild wichtigste Thema war in den letzten 50 Jahren und ist immer noch die Berufstätigkeit. Männliche Arbeit war in den 1950er und 1960er Jahren – ganz im Gegenteil zu der von Frauen – durchgehend positiv konnotiert. Frauen sollten sich um den Haushalt und die Kindererziehung kümmern, von den Männern hingegen wurde eine volle Berufstätigkeit gefordert, die sie in die Lage versetzen sollte, ihre Familie ernähren. Wer dies nicht leisten konnte, war kein „richtiger Mann“. Selbst das Krankheitsbild der „Managerkrankheit“, deren Ausbruch u. a. auf Überarbeitung und Druck durch die berufliche Tätigkeit zurückgeführt wurde, bewertete man indirekt positiv, da sie den Leistungswillen und das Verantwortungsbewusstsein eines Teils der männlichen Bevölkerung in den schweren Zeiten des Wiederaufbaus widerspiegelte.

In den 1970er Jahren kehrte sich die allgemeine Bewertung von Berufsarbeit paradoxerweise um. Außerhäusliche Tätigkeit für Frauen wurde aus gesundheitlicher Perspektive nun zunehmend positiv beurteilt, da man zu der Überzeugung kam, dass durch steigende Anerkennung auch das Selbstwertgefühl der Frauen und damit im weitesten Sinne auch ihre Gesundheitsressourcen steigen würden. Die vormalige durchweg positive Beurteilung von männlicher Berufsarbeit wurde hingegen eingeschränkt. Die Gesundheitsaufklärung legte in dieser Zeit einen Schwerpunkt auf die Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Da die Erkrankungszahlen zeigten, dass überwiegend Männer hiervon betroffen waren, führte man dies auf die Arbeitsbedingungen der männlichen Bevölkerung zurück, die sich von denen der Frauen stark unterschieden. Schichtarbeit, Überstunden und hohe Belastungen waren in vielen von Männern ausgeübten Berufen ganz normal. Die Gesundheitsaufklärung kritisierte dieses auf Höchstleistung ausgerichtete Männerleitbild zwar, bot aber kaum Lösungsmöglichkeiten an. (1974 wurde von staatlicher Seite das „Forschungsprogramm zur Humanisierung des Arbeitslebens“ initiiert, welches mit dazu beitragen sollte, die Arbeitsbedingungen zu verbessern.) Während für Frauen Teilzeitarbeit als gesundheitlich richtige Form von Arbeit angeführt wurde, ging man aber nicht soweit, dies auch für Männer zu propagieren. Das Männerleitbild ist bis heute nur mit Vollzeitbeschäftigung denkbar, auch wenn dies gesundheitliche Benachteiligungen mit sich bringt.

Hier zeigt sich ein weiterer wichtiger Teilaspekt, der sich bis in heutige Debatten auswirkt. Im Zuge der zunehmenden Berufstätigkeit von Frauen wurde richtigerweise von den Männern die Mitarbeit im Haushalt eingefordert, worunter eine Teilung nach dem Motto „Halbe-halbe“ verstanden wurde. Allerdings verschwieg man dabei in aller Regel, dass der überwiegende Teil der Männer vollzeitbeschäftigt war, wohingegen viele Frauen teilzeitbeschäftigt waren. Dementsprechend würde eine „gerechte“ Teilung der Hausarbeit zu einer Benachteiligung von Männern führen.