©SEBASTIEN JARRY/MAXPPP ; Paysage de montagne. ILLUSTRATION racine au bord d'un torrent.

Baumwurzel über Wasserstrom

Männer sind Studien zufolge im Vergleich zu Frauen kritischer gegenüber psychotherapeutischen Angeboten eingestellt. Wie dieser Tendenz mit männergerechten Angeboten entgegengewirkt werden kann, wird im folgenden Blog beschrieben.

Männer benötigen eine direktere Ansprache

Diese Anregung kann beiden Männergesundheitsberichten aus den Jahren 2010 und 2013 entnommen werden. Direkte Ansprache kann zum einen bedeuten, den Zugang zu den Therapie-Praxen niedrigschwelliger zu gestalten. Zum Beispiel indem eine (telefonische) Männersprechstunde eingerichtet wird, in der sich ambivalente Männer zunächst über das Thema Psychotherapie informieren können. Zum anderen könnte eine direktere Ansprache der Hinweis auf Behandlungsschwerpunkte sein, wovon Männer mehrheitlich betroffen sind (z.B. abstinente Alkoholiker, Männer mit ADHS usf.). Aber auch im diagnostischen Prozess profitieren Männer vom direkten Nachfragen, vor allem bei schambesetzten Themen, wie z.B. depressive Symptome, Libido- oder Erektionsprobleme oder der Belastung, wenn sie Opfer von Gewalt sind.

Neben der veränderten Ansprache ist aber auch die Frage zu stellen, inwieweit der psychotherapeutische Prozess männergerechter zu gestalten ist. Wie könnte eine männeraffine Beziehungsgestaltung aussehen? Gibt es männliche Ressourcen, die im Prozess zu integrieren sind? Und mit welchen Formen von Kommunikation und Interventionen punkten wir bei männlichen Patienten?

Therapeutische Beziehungsgestaltung bei Männern

Patienten sind dann besonders motiviert, in der Therapie mitzuwirken, wenn sie in der Beziehung zum Therapeuten wichtige Bedürfnisse erfüllt sehen. Doch welche Motive haben speziell Männer? Ich erfasse zu Beginn der Therapie die zentralen Motive meiner Patienten mit Fragebögen. Zwar werte ich die Bögen nicht statistisch aus, um geschlechtsspezifische Effekte zu erfassen. Dennoch nehme ich wahr, dass in den Bögen regelmäßig von Männern im Vergleich zu Frauen ein stärkeres Status-Motiv angegeben wird. Psychologisch übersetzt bedeutet das Motiv, mit anderen zu konkurrieren, ihnen überlegen zu sein und dafür bewundert zu werden. Mir ist es als Psychotherapeut nun wichtig, dieses Anliegen zu normalisieren und nicht als ‚gockelhaft‘ oder ‚typisch Mann‘ zu diskreditieren. Vielleicht sogar indem ich mich als Therapeut selbst befrage, wie wichtig es mir ist, anderen gegenüber überlegen zu sein. Zu triggern ist das Statuserleben beispielsweise, indem der Patient positive Feedbacks für die Eigenschaften oder Leistungen erhält, wo er dem Therapeuten überlegen ist. Oder er bekommt die Möglichkeit, sich als stolzen Mann zu präsentieren. Zudem ist mit dem Patienten zu analysieren, welche Statusquellen er außerhalb der Therapie generieren kann.

Vergleichbares gilt auch für das Motiv Reizhunger. Studien zufolge benötigen Männer eine höhere sensorische Stimulation, um sich wohl zu fühlen. Man könnte das auch so ausdrücken: Männer stehen vielleicht häufig unter Strom – aber sie lieben auch den Strom. Männergerechte Psychotherapeuten kennen solche Zusammenhänge und unterstützen ihre Patienten darin, den Reizhunger gesund auszuleben, d.h. vor allem für eine gute Balance zwischen Hoch- und Niedrigspannung zu sorgen.

Aktivierung von männlichen Ressourcen

Ein relevanter therapeutischer Wirkfaktor ist die Ressourcenorientierung. Ressourcen sind die Faktoren im Leben, die dazu beitragen, unsere Ziele zu erreichen. Das können Kompetenzen, starke Motive, eine stabile Partnerschaft und ähnliches mehr sein. Als männliche Ressourcen erwähnt mein Mitblogger und Autor Björn Süfke in seinen Büchern Humor, Selbstbehauptung, Rationalität, Handlungs- und Ergebnisorientierung. Hervorzuheben möchte ich die Handlungsorientierung, die dem Identifikationsziel vieler Männer, sich als ‚Macher‘ zu erleben, entspricht. Aktivieren lässt sich diese Ressource durch handlungs- und bewältigungsorientierte Angebote – also gemeinsames Machen, die über ein rein ‚gesprächiges‘ Setting hinausgehen. Dazu zählen bei mir z.B. der Einsatz von Entspannungsverfahren, Fragebögen, Imaginationsübungen, Rollenspielen, körperorientierte Interventionen oder Visualisierungen am Flipchart. Im Sinne der Handlungsorientierung nutze ich auch die Technikbegeisterung der Männer genutzt werden, indem ich ihre Smartphones oder Tablet-PCs integriert werden. So kann man z.B. mit dem Smartphone Therapiesitzungen oder Flipchart-Visualisierungen aufnehmen oder auf dem Tablet-PC Visualisierungen erstellen. Auch gibt es erste Apps, die die Therapie unterstützen.

Männergerechte Interventionen

Männer werden genauso häufig jedoch anders psychisch krank wie Frauen. Sie neigen zu einer sog. externalisierenden Symptomatik. Dazu zählen ein hoher Alkohol-, Nikotin- und Medienkonsum oder andere Verhaltensexzesse, riskantes Verhalten bzw. Gewalt. Psychologisch geht die Externalisierung mit einem stärker nach außen gerichteten Aufmerksamkeitsfokus einher. Männer sind mehr in der Welt ‚da draußen‘ zu Hause. Zu ihrer Innenwelt finden sie weniger Zugang. Das Spüren oder In-Sich-Hineinhorchen ist für Männer dabei aufgrund ihrer ‚Außenorientierung‘ schwieriger im Vergleich zu Frauen.

Vor dem Hintergrund dieser Außenorientierung sind nach meiner Erfahrung sog. Achtsamkeitsübungen hilfreich. Dabei geht es um das bewertungsfreie Wahrnehmen des Geschehens im ‚Hier und Jetzt‘. Männer trainieren dabei den Fokus nach innen zu richten, das geschehen zu lassen, was sie erleben (anstatt zu kontrollieren) und das Ganze bewertungsfrei wahrzunehmen (anstatt emotionale Reaktionen oder ihre empfindliche Seite zu entwerten). Zudem weist der Begriff Achtsamkeit auch auf ein wichtiges männliches Therapieziel hin: viele Männer gehen eher schonungslos mit ihrer körperlichen und seelischen Gesundheit um. Achtsamer mit Hilfe von Achtsamkeitsübungen mit sich umzugehen, bedeutet dann z.B., eigene Bedürfnisse und Grenzen früher zu spüren und zu akzeptieren.