portrait of a cute family on a sky background

Im August 2015 wurde der erste Bericht zur Jungen- und Männergesundheit in Baden-Württemberg veröffentlicht. Der Auftrag dazu erging vom Ministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Senioren Baden-Württemberg an Prof. Bertram Szagun und Kolleg*innen vom Steinbeis-Transferzentrum für Gesundheits- und Sozialforschung. Ziel dieses Berichtes ist es, Akteuren im Gesundheitswesen und in den Kommunen Daten an die Hand zu geben, um beispielsweise die Angebote der Gesundheitsförderung und Prävention zielgruppenspezifisch weiterzuentwickeln.

Zu Anfang des gelungenen Berichtes gibt es eine ausführliche Darstellung der Gesundheitlichen Lage von Jungen und Männern in Baden Württemberg. Dazu gehören regionale Sterblichkeitsunterschiede und vorzeitiger Verlust an Lebensjahren sowie eine Darstellung der Krankheitsgruppen nach Todesursachen und Krankenhausbehandlungen. In diesem Abschnitt werden auch Aspekte der Jungengesundheit, wie Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen und Übergewicht, berichtet und diskutiert.
Es folgt eine Auseinandersetzung mit Sozialen Rahmenbedingungen von Gesundheit. Hier werden die Faktoren Einkommen, Arbeitslosigkeit, Bildung und Migration fokussiert. Es wird aufgezeigt, dass sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen deutlich häufiger gesundheitlichen Risiken ausgesetzt sind und ein höheres Erkrankungs- und Sterberisiko aufweisen und oft schlechter auf gesundheitliche Ressourcen, wie z.B. soziale Unterstützung, zurückgreifen können. Dabei reagierten gerade Jungen und Männer aus ganz unterschiedlichen Gründen teils deutlich stärker auf soziallagebedingte psychosoziale Belastungen und kritische Lebensereignisse als Mädchen und Frauen.

Im Kapitel Frühes und mittleres Erwachsenenalter mit besonderer Betrachtung der Männergesundheit in der Arbeitswelt wird neben Punkten wie Erwerbsminderung, Arbeitsunfähigkeit und Arbeitsunfälle auch auf Veränderungen der Arbeitswelt wie Schichtarbeit, atypische Beschäftigungsformen und Mobilität eingegangen.
Das Kapitel Gesundheitlicher Lebensstil, Wohlbefinden und Inanspruchnahme von Vorsorgeuntersuchungen berichtet Daten für die Bereiche Ernährung und Übergewicht, körperliche und sportliche Aktivität, Unfälle, Gewalterfahrungen, Inanspruchnahme von Vorsorgeuntersuchungen sowie gesundheitliches Wohlbefinden.

Für mich besonders interessant – da für meine Arbeit in der Präventionsforschung relevant – ist das Kapitel Jungen- und männerbezogene Gesundheitsförderung und Prävention, welches von Gunter Neubauer und Reinhard Winter verfasst wurde. Darin wird auf Basis einer Literatur- und Datenbanksuche den Fragen nachgegangen, warum sich Jungen und Männer mit den bislang praktizierten Zugängen der Gesundheitsförderung und Prävention weniger gut erreichen lassen, wie Jungen und Männer gut erreicht werden und was Erfolgsfaktoren und Perspektiven für die Entwicklung einer guten Praxis sind. Vorangestellt werden eine ausführliche und präzise Begriffsdefinition von Gesundheitsförderung, Prävention, Setting, Gender bzw. Gender-Mainstreaming sowie eine Darstellung des salutogenetischen Modells.
Die Datengrundlage der Literatur- und Datenbanksuche ist laut Autoren schlecht. Es zeigt sich, dass nur wenige Daten oder Übersichtsarbeiten zur jungen- und männerbezogenen Gesundheitsförderung und Prävention vorliegen.
Die Analyse der jungen- und männerspezifischen Gesundheitsberichterstattung (u.a. Gesundheitsberichte auf Ebene der Bundesländer, Männergesundheitsbericht der Robert Koch-Instituts, erster und zweiter Männergesundheitsbericht aus privater Initiative, 13. Kinder und Jugendbericht) fasst die wichtigsten Aspekte der jeweiligen Aspekte der jungen- und männerbezogenen Prävention und Gesundheitsförderung zusammen.
Die Datenbankrecherche brachte laut Autoren ebenfalls kaum gute Treffer – es scheint, dass nur verhältnismäßig wenige der eingetragenen Projekte jungen- und männerbezogene Gesundheitsförderung und Prävention fokussieren. In der Praxisdatenbank Gesundheitliche Chancengleichheit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) fanden sich einige Treffer, ebenso für die Suchtprävention im Dokumentationssystem der Suchtvorbeugung der BZgA.
Ein auf professionelle Netzwerke und Kontakte der Autoren ins Feld ausgeweitete Suche nach exemplarischen Projekten der Gesundheitsförderung für Jungen/Männer zeigte dann, dass in der Summe in Deutschland bereits eine gewisse Anzahl und Vielfalt erfolgreicher geschlechterbezogener Ansätze der jungen-und männerbezogenen Gesundheitsförderung und Prävention vorhanden sind. So wird u.a. das Männergesundheitsportal der BZgA, das Netzwerk Jungen- und Männergesundheit, die Berliner Stadtreinigung als betriebliches Projekt und weitere regionale Projekte dargestellt.

Aus der analysierten Literatur und den Projekten leiteten die Autoren Perspektiven für die Entwicklung einer jungen- und männerbezogen Praxis der Gesundheitsförderung und Prävention ab und präsentieren ein spannendes Ebenen-Modell. Die erste Ebene bezieht sich auf strukturelle Voraussetzungen und Rahmenbedingungen. Die zweite Ebene bezieht sich auf die zu erreichende Zielgruppe der Jungen und Männer, die dritte Ebene befasst sich mit der Erreichung der Zielgruppe.
Die Autoren fassen dann zusammen, wie Jungen und Männer gut erreicht werden können. Männer müssten als heterogene soziale Gruppe mit differenzierten gesundheitlichen Bedarfen wahrgenommen werden. Es müssen das Setting/Lebenswelt, die Lebenslage und Gesundheitshaltung auf allen Ebenen ins Auge gefasst und entsprechende Maßnahmen (weiter-)entwickelt werden.

In einem Ausblick werden abschließend der demografische Wandel und Einwanderung, die Gleichheits- und Ungleichheitsentwicklungen als auch Männlichkeit und Gesundheit in naher Zukunft diskutiert.

Ich kann die Lektüre dieses Berichts – auch für Praktiker und grob Interessierte – empfehlen, fasst er doch sehr gut auch für Deutschland insgesamt die Ansätze und Ideen für jungen- und männerbezogene Gesundheitsförderung und Prävention zusammen.