extreme freestyle ski jump with young man at mountain in snow park at winter season

Im Dezember 2012 wurde ein 33-jähriger Mann in den Bergen um Vancouver (Kanada) als vermisst gemeldet. Er war mit seinem Snowboard unterwegs, befuhr eine riskante Strecke und ward nicht mehr gesehen. Nach einer aufwendigen und kostspieligen Suche wurde er nach drei Tagen lebendig aus den Bergen gerettet. Nach diesem Fall gab es eine kontroverse, öffentliche Diskussion zur Rettung des Mannes. Neben Freude über die Rettung wurden die hohen Kosten für die Suche und die Sorgen, die der Mann seinen Angehörigen und Freunden bereitete, moniert. In einem Interview sagte der Mann, dass es ihm leid täte, für solche Sorgen verantwortlich zu sein. Er ging snowboarden, nachdem er gehört hatte, dass sein bester Freund nach einer Feier angetrunken auf dem Weg nach Hause tödlich verunglückte. Er sagte: “I thought snowboarding would distract me. (…) I was crying like a baby. I just thought of my friend” (Creighton GM et al. 2015, S.356). Übersetzung: „Ich dachte snowboarden würde mich ablenken. (…) Ich weinte wie ein Baby. Ich dachte nur an meinen Freund.“

Dieser Vorfall heizte die Debatte um öffentliche Verantwortung an, wenn vor allem Männer sich in riskanter Weise Verhalten. Denn jedes Jahr gibt es ähnliche Unfälle und Todesfälle vor allem von jungen Männern. In westlichen Nationen sind Unfälle die häufigste Todesursache unter Männern zwischen 15-40 Jahren, gefolgt von Selbstmord und Mord. Weiterhin haben Männer zwischen 15-29 Jahren ein 2,6-fach höheres Risiko zu sterben als Frauen und ein 3,9-fach höheres Risiko durch Auto- oder Sportunfälle, eine Überdosis Drogen oder Selbstmord zu sterben. Diese Debatte veranlasste ein Forschungsteam um Genevieve M. Creighton von der Universität British Columbia, Vancouver, zu einer Studie, die hier vorgestellt wird. Sie wollten die Gründe für riskantes Verhalten bei jungen Männern untersuchen und stellten sich die Frage, ob dies durch ein auf riskantem Verhalten basierender Tod eines Freundes beeinflusst wird.

Als theoretischen Rahmen für ihre Arbeit nutzt das Forschungsteam Connell´s Theorie der hegemonialen Männlichkeit. Damit soll die Intersektion zwischen (sozialem) Geschlecht und Risikoverhalten erklärt werden. Nach Connell ist hegemoniale Männlichkeit eine in westlichen Gesellschaften vorherrschende Konstellation von idealisierten männlichen Verhaltensmustern wie Stärke, Dominanz, Autonomie und Unverwundbarkeit. Männer leben diese Verhaltensmuster in unterschiedlichem Ausmaß und zeigen dies durch Aktivitäten, die Unbesiegbarkeit, Kraft/Potenz und Konkurrenzfähigkeit verdeutlichen sollen, u.a. durch Machtdemonstrationen wie Gewalt oder Wettrennen usw. Als weiterer theoretischer Bezug werden Arbeiten herangezogen, die Unterschiede in Art und Stärke der männlichen Verhaltensmuster nach sozialem Status, Ort und Setting diskutieren, sogenannte Kontext-abhängige Faktoren. Dazu gehören im weiteren Lebenslauf auch Veränderungen durch Vaterschaft oder schwere Erkrankungen.

Das Ziel dieser Studie ist ein tieferes Verständnis davon zu erhalten, wie der Tod eines männlichen Freundes das Verständnis des eigenen Risikoverhaltens beeinflusst. Dazu wurden in einer Querschnittsuntersuchung halb-strukturierte Interviews mit 22 Männern geführt, die im Alter zwischen 19 und 25 Jahren den Tod eines männlichen Freundes aufgrund einer riskanten Aktivität erleben mussten. Riskante Aktivitäten sind dabei Sportunfälle (Klettern, Lawinenabgang, Ski, ertrinken) (n=9), Auto- oder Motorradunfälle durch Alkohol- oder Drogenintoxikation (n=8), Tod durch Alkohol- oder Drogenüberdosis (n=4) oder im Kampf erstochen (n=1). Die Männer sollten im Interview den Tod des Freundes reflektieren, die Reaktion während der Trauerzeit und die Art, wie der Unfall ihre eigene Wahrnehmung und Praxis zum Risikoverhalten beeinflusste, beschreiben. Die Interviews fanden in Whistler und Vancouver (Kanada) statt, der Tod des Freundes lag zum Zeitpunkt des Interviews im Mittel 6 Jahre zurück. Zur Auswertung der Interviews wurde ein interpretiv-beschreibender Ansatz genutzt. Mit diesem Vorgehen sollten mögliche Verknüpfungen zwischen dem Verlust eines männlichen Freundes und dem eigenen Risikoverhalten untersucht werden.

Die Ergebnisse zeigen, dass von vielen Studienteilnehmern ein „leben für den Moment“ als Erklärung bzw. Rechtfertigung für den Tod des Freundes herangezogen wird. So sagte ein Teilnehmer: „(…)Dying skiing…I mean, in the end it doesn’t really matter, you die, but there’s a certain amount of solace to be taken in the fact that somebody died doing what they loved, you know.“ (Creighton GM et al. 2015, S.360) Übersetzung: „Tod beim Skifahren… ich meine, am Ende ist es nicht wirklich wichtig, Du stirbst, aber es gibt Trost in der Tatsache, dass jemand bei der Sache gestorben ist, die er liebte, wissen Sie.“

Dieser Umgang mit dem Tod des Freundes und der Trauer zeigte, dass das eigene Risikoverhalten kaum hinterfragt wurde. Im Gegenteil wurde von einigen das riskante Verhalten des Verstorbenen verstärkt weitergeführt, z.B. mit riskanten Skiabfahrten. Ein kleinerer Teil der Teilnehmer meinte hingegen, dass der Tod des Freundes sie zum Überdenken des eigenen Verhaltens gebracht hat. Die letztere Gruppe hat dabei einen höheren sozialen Status, so dass das Forschungsteam von einem sozialen Gradienten beim Risikoverhalten von Männern ausgeht. Auch das Setting bzw. die Gruppenkultur spielen eine Rolle. Sozialer Wandel hin zu einem jugendlichen Lifestyle mit positiven Werten wie Freiheit und Risikofreude spielen ebenfalls eine Rolle.

Leider wurden im Artikel von Creighton et al. keine Handlungsempfehlungen für die praktische Arbeit mit trauernden Männern gegeben, aber es finden sich Hinweise in den Ergebnisse. Ich denke, dass Angehörige und Freunde über das Verhalten, das zum Tod des Freundes führte, offen mit den Trauernden sprechen sollten. Dabei sollte es nicht darum gehen, riskantes Verhalten grundsätzlich abzulehnen oder zu stigmatisieren. Denn neben den negativen Auswirkungen riskanten Verhaltens in Sport und Freizeit kommen ja auch positive Aspekte. Das Erkennen der eigenen körperlichen Grenzen kann das Selbstbewusstsein und Körpergefühl stärken. Das Messen mit Freunden kann dem sozialen Austausch dienen. Doch sollte auch die soziale Verantwortung eines jeden angesprochen werden – sei es durch die Sorgen von Familie und Freunden (wie sie selbst ja auch um ihren Freunde trauern) oder mögliche eigene Gesundheitsrisiken.

Aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich noch, dass wir als Jungs-Clique damals nach dem Selbstmord eines guten Freundes ziemlich durcheinander waren. Er hatte gerade mit 18 Jahren seinen Führerschein wegen einer Alkoholfahrt verloren und wusste sich wohl nicht mehr anders zu helfen. Anstatt sich mit den Gründen seines Selbstmordes zu beschäftigen, machten wir genau dasselbe. Nach der Beerdigung gab es ein großes Trinkgelage und einige sind dann auch betrunken mit dem Auto gefahren – zum Glück ist nichts passiert! Damals war es unser Fußballtrainer, der später mit uns über den seinen Tod gesprochen hat. Außerdem half uns eine funktionierende Familien- und Dorfgemeinschaft. Wenn solche sozialen Netze aber nicht existieren, sollten wir genau hinschauen, wie Freunde mit ihrer Trauer umgehen.

Quelle: Creighton, Genevieve M.; Oliffe, John L.; McMillan, Eva; Saewyc, Elisabeth M. Living for the moment: men situating risk-taking after the death of a friend. Sociology of Health & Illness; 2015; 37 (3): 355-369.