COLOURBOX4416020 Kopie

Unsere hektische Zeit stellt im Arbeitsleben hohe Anforderungen an uns: Das Tempo nimmt zu, die Komplexität der Aufgaben auch, die technischen Umwälzungen machen uns fast immer und überall erreichbar, Umbrüche und Veränderungen werden der Normalzustand…

Und diese Tendenz hat sich auch in das Privatleben eingeschlichen – auch hier fühlen sich viele unter Druck, die Freizeit effektiv zu nutzen, einen hohen Erholungswert herauszuholen, auch an und über Grenzen zu gehen.

Die fatalen Folgen dieses Drucks sind hinlänglich bekannt und erschreckend: Burn-Out-Symptome und Depressionen haben sich innerhalb der letzten Jahre vervielfacht und arbeiten sich in der Statistik unaufhaltsam an die Spitze der häufigsten Gründe für Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung vor.

Beginnend mit dem Gefühl von Stress und Hektik, zu wenig Zeit, Konzentrationsstörungen, Bluthochdruck, über Schlafstörungen, Suchtprobleme, den Verlust von Freude an der Arbeit und Überkompensation durch „sich noch mehr Mühe geben“, hin zu psychischer Labilität, Kontaktverlust zu Kollegen und Freunden, Gefühlen der Verzweiflung und Sinnlosigkeit.

Dabei nicht unterzugehen, den Überblick und die Nase oben zu behalten, ist schwierig genug.

Männer sind aus mehreren Gründen besonders gefährdet in diese Mühle zu geraten, weil

  • sie ihre eigene Leistungsfähigkeit oft überschätzen
  • sie wenig sensibel sind für Anzeichen der eigenen Grenzen (körperlich wie psychsich)
  • sich manche Männer erst im Grenzbereich selbst spüren: am Rande des Machbaren zu balancieren und es hinzubekommen, kann auch starke, fast rauschhafte Gefühle auslösen
  • „Ich kann nicht mehr!“ ist keine Option für einen Mann!

Zusammengefasst sind Leistungsfähigkeit und (scheinbare) Kontrolle über das eigene Leben integrale und auch unverzichtbare Pfeiler männlicher Identität im klassischen Rollenbild des Mannes – das immer noch mächtig und wirksam ist.

Aber wie geht es anders?

Wie kann ich als Mann

  • mein Leben ausbalancieren,
  • die Anforderungen an mich und eine eigenen Bedürfnisse unter einen Hut bekommen
  • mit Kraft, Energie und Freude zu leben, aber auch meine Energiespeicher wieder auffüllen
  • meine Identität als Mann breiter, reicher und verwurzelter mit mir selbst gestalten?
  • meine eigenen Grenzen wahrnehmen und akzeptieren oder mich bewusst für den Kitzel der Grenzerfahrung entscheiden
  • meine innere Flexibilität behalten oder steigern und Veränderungen und Umbrüche als vielleicht anstrengend, aber auch lustvoll erleben
  • meine innere Ruhe und Basis finden und behalten

All das natürlich als ein Idealzustand, der schwer zu erreichen ist, aber auch Annäherungen sind wertvoll und lohnenswert.

Das Stichwort dazu ist Resilienz.

Dieser Begriff kommt eigentlich aus der Werkstoffkunde und bezeichnet die Fähigkeit eines Stoffes, nach z.B. Druck seine ursprüngliche Größe und Form wieder anzunehmen – wie ein Softball, der nach dem Zusammendrücken wieder groß wird.

Übertragen wird dieser Begriff in der Psychologie mittlerweile benutzt für die Widerstandsfähigkeit gegen Stress und Anforderungen verbunden mit dem Bild eines Stehaufmännchens.

Die positive Idee dahinter ist für mich ein Leben, in dem unser Ich, unsere Persönlichkeit in den vier Dimensionen Körper, Seele, Verstand und Gefühle ausbalanciert, gefüllt und in Übereinstimmung mit den eigenen Bedürfnissen ist.

Die schlechte Nachricht ist: Viele scheinbare Sachzwänge, die Stress verursachen, Rahmenbedingungen, die unverrückbar erscheinen, Gründe, die wir als außerhalb unserer Kontrolle und Gestaltungsmöglichkeit erleben und uns selbst als Opfer, sind nicht die eigentliche Quelle des Übels. Wir selbst, unsere Einstellungen, Glaubenssätze, blinden Flecken, biografischen Erfahrungen, eingefahrenen Strukturen und Muster bilden die überwiegenden bis hin zu fast kompletten Gründe für die Überforderungssymptome und ihre Folgen ab.

Die gute Nachricht ist: Resilienz kann mann lernen und trainieren

Mein Vorschlag:

Boxenstopp – mal den Fuß vom Gas nehmen!

Es ist Zeit für eine Inspektion – die Motorhaube öffnen und einen gründlichen Check durchführen. Alles muss auf den Prüfstand:

Läuft das System fehlerfrei? Wo klappert und schiggert es? Welche Motoreinstellungen sind programmiert und welche davon müssten verändert werden? Wo gibt es Verschleiß, welche Teile müssen gewechselt werden? Was muss nachjustiert, was ausgebaut und überholt werden?

Ich werde an dieser Stelle demnächst für einige der o.g. Thermen praktische Übungen vorstellen, die jedermann am eigenen Leib nachmachen kann und die strukturiert zu handfesten Ergebnissen führen können.

Heute als Intro die erste Übung:

Betrachten Sie Ihre Erlebnisse einer durchschnittlichen Woche. Gehen Sie z.B. chronologisch vor und notieren sich die Felder / Themen /Bereiche, in denen Sie am meisten Druck, Anspannung und das Gefühl haben, den Anforderungen kaum oder nicht wirklich zu genügen (bitte ehrlich, sonst nützt es nichts)

Dann nehmen Sie diese Situation, Problemlage und fragen sich: Wo an diesem Punkt entdecke ich eine Verknüpfung mit dem Thema Mannsein, männliche Rolle, Identität? Wo treibt mich der Wunsch oder die (Selbst)verpflichtung zu einem Verhalten, das mir nicht gut tut? Welche Vorbilder hatte ich, denen ich nacheifere? Wem möchte ich beweisen, dass ich ein toller Kerl bin? Wessen „Auftrag“ führe ich eigentlich aus?

Dann: Seien Sie mal gnädig, sanft und nachsichtig mit sich. Versuchen Sie den Gedanke, dass es Ihnen auch zusteht Grenzen zu haben und kein Supermann sein zu müssen (wenigstens nicht immer!). Probieren Sie mal nur zu denken, dass es in dieser Situation weitere Verhaltens- und Sichtweisen geben kann, die Sie z.B. bei einem Freund auch durchaus als akzeptabel bewerten würden.

Und dann überlegen Sie sich mindestens einen kleinen praktischen messbaren Schritt, den Sie innerhalb der nächsten 2 Wochen machen können, um die Sache anders anzugehen, und probieren es aus!

Viel Erfolg und bis zum nächsten Mal!