Man makes suicide by shooting with a pistol

Männer lösen ihre Probleme selbst, und wenn es das letzte ist was sie tun – Suizidalität bei Männern (Teil 2)

Ich hatte im ersten Teil zum Thema des männlichen Suizids geschrieben, dass der verwehrte Zugang zu den eigenen Gefühlen und die – dann logischerweise – fehlenden Umgangsweisen mit starken Gefühlen durchaus daran mitbeteiligt sind, dass Männer eine so erschreckend hohe Selbstmordrate aufweisen. Heute möchte ich noch auf zwei weitere „Gesetze“ traditioneller Männlichkeit hinweisen, die meines Erachtens ebenfalls dazu führen können, dass Männer in Krisensituationen nur diesen einen Ausweg sehen.

3: Männer handeln statt zu quatschen

Ein Kernmerkmal von Männlichkeit ist die ausgeprägte Handlungsorientierung: Männer sind so sozialisiert, dass Dinge grundsätzlich nur veränderbar sind durch Handlung. Diese Tendenz hat unbestreitbare Vorteile, selbst im Zusammenhang mit psychischen Problematiken: So hebelt sie etwa die bei Depressionen typische Lageorientierung, also das Verharren im unbefriedigenden Status quo, völlig aus. Es gibt aber auch Lebenssituationen, in denen keinerlei positive Handlungsmöglichkeiten bestehen, sondern jedes Agieren letzlich kontraproduktiv und destruktiv ist. In solchen Situationen braucht es etwa die Fähigkeit, Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten, Neubewertungen vorzunehmen, Zielvorstellungen oder Erwartungen zu ändern – oder auch sich einfach nur mitzuteilen und Unangenehmes auszuhalten. Sprich: Nicht die Situation als solche zu ändern, sondern die emotionale Bedeutung der Situation. Diese Fähigkeiten aber kann man kaum ausbilden, wenn man lebenslang auf Handlungen ausgerichtet wurde und auch seine männliche Identität damit verknüpft.

4: Männer dürfen nicht versagen – auch nicht einmalig.

Ein vierter Aspekt ist meines Erachtens noch von großer Bedeutung: Es gibt kein Versagen, kein Verlieren im Land der Männlichkeit! Im Land der Männlichkeit gibt es nur Gewinner und „verhinderte Gewinner“. Daher erleben wir es auch so häufig, dass Männer selbst ein offensichtliches persönliches Versagen entweder verdrängen oder aber anderen die Schuld dafür geben. Dafür gibt es ja eine Fülle wundervoller Beispiele: Wenn ein Mann ein Tennismatch gewinnt, dann war er der Bessere; wenn er verliert, war der Schiedsrichter schuld oder der Platz war in einem schlechten Zustand oder es war Pech. Externalattribution von Misserfolg heißt das in schönem Fachpsychologisch: Misserfolge werden ursächlich im Außen verortet, nicht im Inneren.

Nun machen Männer dies alles ja nicht, weil sie doof sind oder simpel gestrickt oder egoman. Es ist schlichtweg so, dass Versagen, selbst ein einmaliges Versagen, dem Mann seinen Männlichkeitsstatus entzieht. Das ist der wesentliche Unterschied zu Frauen: Für Frauen ist Versagen auch nicht schön – und natürlich auch selbstwertbeeinträchtigend bis hin zur Depression. Aber Versagen entzieht der Frau nicht ihre grundlegende Identität als Frau. Männlichkeit hingegen muss immer wieder neu bewiesen werden. Wenn man also versagt, geschieht etwas, was weitaus schlimmer ist als ein Misserfolg in einem spezifischen inhaltlichen Lebensbereich, nämlich die Aberkennung der männlichen Identität. Ein Mann, der im Beruf versagt, ist – mindestens in seinem eigenen Empfinden – kein echter Mann mehr – selbst wenn er der beste Freund, der tollste Vater, der großartigste Liebhaber und der herzensbeste Mensch ist. Ein Mann, der im Bett versagt, ist kein echter Mann mehr – selbst wenn er der erfolgreichste Unternehmer, der liebevollste Partner, der tollste Vater ist. So lange dies so ist, kann Selbstmord auf eine zynische Art und Weise – hier kommt dann der Titel dieses Blogs ins Spiel – tatsächlich als eine „Problem-Lösung“ betrachtet werden, die zwar das Leben beendet, aber die männliche Identität aufrechterhält.