Ex_Libris_Dr.R.von_Krafft-EbingErst vor einiger Zeit fand in der Sexualtherapie bzw. Beratung ein Perspektivenwechsel statt. Könnte es nicht sein, dass es in Wahrheit die Männer sind, nicht die Frauen, die keine Lust auf Intimitäten haben – selbst wenn alle Beteiligten (allen voran die betroffenen Männer), lauthals das Gegenteil behaupten. Die Einsicht machte sich breit, dass nicht alle Männer Lust haben, stets leistungsbereite Initiatoren, Planer und Exekutivorgane des Bettgeschehens zu sein. Eines Coitus bei dem sie sich alleinverantwortlich für den Orgasmus sehen – nicht bloß den eigenen, sondern auch den der Partnerin. Diese Einsicht ist wie gesagt relativ jung. Hinterher ist man bekanntlich immer schlauer. Umso interessanter ist es nun einmal einen Blick zurück auf die Medizingeschichte zu werfen:

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit der doch eigentlich schönsten Nebensache der Welt begann 1886 mit einem Werk, das sich, de facto, fast ausschließlich mit Männern beschäftigte: Die „Psychopathia Sexualis“ des Richard von Krafft-Ebing. Es war aus dem Grund ein Buch über Männer, weil darin hauptächlich Dinge beschrieben wurden, die einen ins Gefängnis bringen konnten – und damals wie heute war das Gefängnis ein Ort für Männer. Man schämte sich derart, dieses Buch zu lesen, dass Krafft-Ebing Passagen davon auf Latein abfasste. Was kranker Sex war, glaubte man von nun an zu wissen und man wusste, dass er männlich war. Was aber war gesunder Sex für Männer? Der Psychiater Kurt Schneider drückte dies noch 1946 in seinem Werk „Klinische Psychopathologie“ folgendermaßen aus – messerscharf und gewandt, bloß leider völlig daneben: „Eine sexuelle Intention, eine Begierde, eine Handlung [ist] umso abartiger, je unmöglicher aus ihr letzten Endes Zeugung werden könnte. Blickt man nur auf den ‚Lustgewinn‘ bleibt nur eine endlos fortsetzbare nivellierende Sammlung von Kuriositäten.“

Also, Stoßrichtung musste im wahrsten Sinne des Wortes irgendwie die Zeugung eines Kindes sein und Zeugung, das bedeutete Ehe. Ansonsten konnte es zu dieser Zeit ziemlich ungemütlich werden, nicht nur für Mütter und ihre unehelichen Kinder, sondern auch für sexuell aktive „Junggesellen.“ Damit einher ging wiederum natürlich die Verpflichtung, die Werte eines Familienvaters zu verkörpern. Wer gerne etwas weniger aktiv gewesen wäre, der musste sich Sorgen machen, seine Frau, könne Gefahr laufen, „hysterisch“ zu werden, wenn sie beim Sex zu oft oben liege. So etwas glaubten viele Menschen wirklich. Männer, die unter diesen Umständen nicht mehr konnten oder wollten, wurden bisweilen sogar psychiatrische Fälle. Junge Männer wurden noch in den 1950er Jahren mit Testosteroninjektionen zur Steigerung der „Virilität“ be- bzw. misshandelt.

Das Zeitalter des fortpflanzungsorientierten Sex endete mit der sexuellen Revolution. Beate Uhse nannte ihr Unternehmen nicht mehr „Fachgeschäft für Ehehygiene“, sondern „Sexshop.“ Die Medienindustrie machte ab den 1970ern Milliardenumsätze mit der Darstellung williger, verfügbarer Frauen. Diese, so suggerierte Werbung und Pornographie, waren zwar nun zu (fast) allem bereit, was der alte Krafft-Ebing in seinem Katalog der „Perversionen“ zusammengetragen hatte. Die neuen Objekte männlicher Begierde kamen dabei jedoch kaum minder passiv und willensschwach daher, wie die prüde Ehefrau der Adenauerzeit in gewissenhafter Erfüllung ihrer ehelichen Pflichten. In dem neuen sexuellen Paradies war immer noch kein Platz für Männer, die sich dem Prinzip absoluter Leistung und Dominanz im Bett nicht unterordnen konnten oder wollten. Mit realistischen Darstellungen befriedigender, partnerschaftlicher Sexualität ließ sich kein Blumentopf gewinnen (bzw. verkaufen). Von Seiten der Therapeuten interessierte man sich ebenfalls nicht dafür. Die Idee, dass Männer Hilfe benötigten, die ernsthaft glaubten, sie wären alleinverantwortlich (und dazu fähig), sich selbst und ihren Partnerinnen jederzeit ein Feuerwerk der Sinne zu bereiten, diese Idee setzt sich erst langsam durch.