COLOURBOX6168999 KopieEine Auswertung von Eingaben, Anfragen und Beschwerden von Privatpersonen an eine Vielfalt von Präventionsträgern, wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, das Bundesgesundheitsministerium oder das Bundesgesundheitsamt bestätigt genau diese Vermutung. Insgesamt wurden 129 Eingaben von Männern und Frauen zum Thema Rauchen aus der Zeit von 1960 bis 1990 analysiert. In der qualitativen Auswertung war von Interesse, über welche unterschiedlichen oder aber auch gleichen Inhalte Männer und Frauen berichteten und in welcher Form sie dies taten.

Zentral war hierbei die Thematisierung eigener Gesundheit und Krankheit, da das vermeintliche Desinteresse der Männer an ihrer Gesundheit als Hypothese hinterfragt werden sollte.

Inhaltlich beschwerten sich Männer und Frauen in gleicher Weise oft darüber, dass sie von anderen Leuten durch das Rauchen gestört werden. Jedoch taten sie dies auf unterschiedliche Weise. Männer forderten einen Nichtraucherschutz, indem sie mit dem Grundgesetz argumentierten, auf juristische Urteile aus anderen Ländern hinwiesen, die hohen Kosten für das Gesundheitssystem anführten, die Gewinne des Staates durch die Tabaksteuer kritisierten oder aber auf die Umweltverschmutzung verwiesen.

Hier stellt sich die Frage, ob die Männer nicht auf die Folgen für die Gesundheit hinwiesen? Doch, das taten sie. Jedoch tauchte Gesundheit in den Eingaben der Männer meist nur als ein Nebenargument auf. So verwiesen die Männer abstrakt immer nur auf eine „Beeinträchtigung der Gesundheit“. Frauen hingegen erwähnten kaum juristische, ökonomische oder ökologische Gründe, für sie stand die Gesundheit an erster Stelle. So berichtete bspw. eine Frau in einer Eingabe 1986 über eine ständige Reizung von Galle, Magen und Darm sowie häufiges Erbrechen, wenn sie mit Zigarettenqualm in Berührung komme. Und eine andere Verfasserin klagte 1995 über ständige Kopfschmerzen und eine chronische Bronchitis, die das Passivrauchen bei ihr ausgelöst habe. Für Frauen war also Gesundheit ein viel zentralerer Aspekt und ihnen fiel es auch einfacher, über ihre eigene Gesundheit zu berichten. Worin liegen hierfür die Gründe?

Zunächst sind Frauen seit der Etablierung der Gynäkologie ab den 1820er Jahren und der damit einhergehenden Medikalisierung des gesamten Komplexes um Menarche, Menstruation und Schwangerschaft mehr ins medizinische System eingebunden. Der regelmäßige Arztbesuch und das Sprechen über Gesundheit und Krankheit wird seit dem Beginn der Pubertät regelmäßig eingeübt und damit zur Normalität.

Eine frühzeitige Einbindung von Jungen bzw. Männern ins medizinische System, was regelmäßigen, insbesondere präventiven Arztkontakt mit einschließen würde, findet hingegen nicht statt. Ganz im Gegenteil sehen es männliche Rollenbilder vor, erst dann einen Arzt aufzusuchen, wenn der Körper nicht mehr „funktioniert“.

Hinzu kommt, dass Männer eher eine Sozialisation hin zu Eigenschaften wie Härte und Stärke erfahren. So sind sicherlich viele der männlichen Absender der untersuchten Eingaben mit der Maxime „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ aufgewachsen und dazu angehalten worden, Schmerzsignale zu bagatellisieren. Das führt bei Männern zu einem funktionalen Körperverständnis. Es muss aber deutlich darauf hingewiesen werden, dass diese Funktionalität in gewissem Maße auch gesellschaftlich erwünscht ist. Sie wurde lange Zeit insbesondere im Militärdienst und auch heute noch bei der Ausübung gefährlicher Berufe geschätzt. Die mangelnde Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und seiner Gesundheit, die bei Männern heute immer wieder kritisiert wird, sind also auch das Ergebnis gesellschaftlicher Ordnungsvorstellungen.