Dog sitting in front of the computer. Focus on a dog.

Die Arbeit mit Männern überrascht mich immer wieder aufs Neue. Ich lerne jeden Tag durch den Austausch dazu. Heute möchte ich über das Boreout-Syndrom und die (un)bewusste männerspezifische Verhältnisprävention sprechen. Über Burnout habe ich hier in diesem Blog schon gesprochen. Der Boreout ist für mich zunehmend ein spannendes Thema. Trotz der aktuell viel diskutierten und erlebten Arbeitsverdichtung ist das „Langeweilesnydrom“ schon auch ein Thema für Männer. Für viele werktätige Männer ist echte Arbeit nur die körperliche Betätigung davon. Wenn die betätigende Arbeit zunehmend an die Maschinen geht und die Überwachungs-, Schreib- und Dokumentationsarbeit in den Vordergrund gerät, bekommen gerade von diesen Männern einige körperliche und seelische Probleme. Sie fragen sich dabei: „Was mache ich hier eigentlich? Was habe ich am Ende des Tages bis auf diesen Schreibkram geschafft?“ Schaffen ist dabei ein zentraler Begriff. Schaffen ist echte Arbeit und definiert die eigene Leistung …und es ist häufig viel sichtbarer.

Wie immer ein Beispiel aus der Praxis von mir. Wie immer anonymisiert und den Kontext verändert. Ein Mann, Anfang 50, der einen monotonen Einzelarbeitsplatz mit Überwachungsaufgaben bekleidet, ist arbeitsunfähig. Seit Wochen, seit Monaten, das erste Mal in seinem Leben über solch einen langen Zeitraum. Eigentlich hat er nur massive diffuse Verspannungen im Rückenbereich. Rennt von Arzt zu Arzt. Geht in die Röhre. Bandscheibenvorfall? Ja oder nein? Der eine sagt so, der andere so? Wie es ihm eigentlich geht, hat wieder mal keiner gefragt. Als er sich dann nach dieser langen Zeit wieder im Unternehmen meldet, startet er das Telefonat mit dem Spruch: „Ich möchte kündigen und Euch damit zuvorkommen.“ Er zieht diesen Schluss aus Pflichtgefühl. Er möchte aus empfundenen Stolz und fehlender Leistungsfähigkeit dem Arbeitgeber nicht länger auf der Tasche liegen, so jedenfalls sein erstes Ansinnen.

Als es zum, vom Unternehmen geforderten klärenden Gespräch zwischen allen Beteiligten kommt, beschreibt dieser Mann seine sonstigen Beschwerden, die ihn aktuell arbeitsunfähig machen. Neben seinen diffusen Rückenbeschwerden, sitzt er häufig alleine zu Hause, mag nicht mehr rausgehen, hat Angst großen Menschenmengen zu begegnen, fühlt sich immer wie leer und mag sich nicht mehr von seiner Frau anfassen lassen. Er sagt: „Manchmal sitze ich so da und könnte direkt raus auf die Straße gehen und auf den nächsten LKW warten.“ Ob er das jetzt Ernst meint, weiß ich nicht. Wie eine konkrete Suzidialität hört sich das aber nicht an. Auf Nachfrage, ob er das auch schon einmal mit seinem Hausarzt debattiert hätte, verneint dies der Mann. Als ich ihm dann sage, dass er nach meiner Einschätzung eine Männerdepression hätte, schaut er mich so an, als käme ich direkt vom Mond. Er ist aber irgendwie erleichtert. Er fällt sogar nach dem Gespräch einem der Beteiligten um den Hals. Was für ein Bild! Als das Gespräch auf Gründe für seine Arbeitsunfähigkeit im betrieblichen Setting eingeht, berichtet der Mann von einer andauernden Langeweile, die er bei seiner Arbeit verspürt zu hätte. Alles andere wäre sehr gut, aber diese Leere würde ihn umbringen, so seine Worte. Seinen Wunsch nach dem Ausscheiden aus dem Unternehmen äußert er im Gespräch dann doch noch ein Mal. Und als ihm die Unternehmensseite symbolisiert, Zeit für seine Genesung bekommen zu können und in dieser Situation nicht kündigen zu müssen, merkt man ihm schon an, dies nicht erwartet zu haben.  Am Ende des Gespräches gehen alle so im festen Glauben auseinander, dass sich dieser Mann Hilfe holen wird und vorerst weiter arbeitsunfähig geschrieben bleibt. Doch es kommt anders.

Einige Tage später flattert ein kurzes Schreiben ins Unternehmen mit dem Dank für das gute Gespräch …und der schriftlichen Kündigung. Es ging für ihn also doch nicht anders. Als ich das hörte, war ich anfangs irgendwie irritiert. Was war das denn nun wieder? Jemand äußert klar und deutlich klassische Symptome einer Depression (und die Äußerungen war definitiv nicht gespielt) und hat doch so viel Kraft und Mut, seine existentielle Lage durch die Beendigung einer festen unbefristeten Anstellung in Gefahr zu bringen. Darüber musste ich erst einmal nachdenken. Meine Unklarheit relativierte sich etwas, als ich dann zwei Tage später vom Personaler hörte, dass dieser Mann eine neue Anstellung woanders in seinem alten Beruf gefunden hätte.

Ich denke, dieser Mann hat einen Boreout in seinem Job erlebt. Dieser entwickelte sich über Jahre und machte ihn dann, erstmals in seinem Leben über Monate krank, sogar depressiv. Nach unserer medizinischen Denke wäre hier nun eine verhaltens(präventive) Maßnahme sinnig gewesen. Ab mit ihm in die Therapie und Selbstreflexion. Doch nicht nach seiner Denke. Für ihn ist nur eine Verhältnis(präventive) Maßnahme eine Lösung. Immer noch dem Motto: „Ändere Dein Leben, bevor Dein Leben Dich ändert!“ Also raus aus dem langweiligen, aber sicheren und gut bezahlten Job, Risiko eingehen und etwas Neues beginnen. Ob er vielleicht auch nur weiter vor sich wegläuft, weiß ich nicht. Vielleicht ist das auch für solch einen Mann egal oder auch zu selbstgefährdend.

Abschließend finde ich diese Geschichte immer noch doll. Weil… eigentlich wollen wir das doch auch immer von unseren Patienten, Klienten oder Mitarbeitern. Wir wissen alle, dass Verhältnisse häufig für das gezeigte Verhalten verantwortlich sind. Und wenn es dann jemand mal durchzieht, sich diesen Verhältnissen zu entziehen, sind wir doch irgendwie auch baff, ich war es jedenfalls. Deswegen vom Boreout… zur Krankheit… zur Kündigung… zur Gesundheit!? Ich wünsche es ihm. Wie auch Ihnen wie immer eine gesundheitliche Woche.