COLOURBOX4898724 KopieEine Spurensuche hinter den verschlossenen Toren der deutschen Nachkriegspsychiatrie

Männern wird bisweilen nachgesagt, sie würden ihre Gesundheit wie eine Maschine betrachten. Eine Maschine fühlt nicht, sie funktioniert bloß. Sie hat Leistung zu erbringen und erfüllt eine bestimmte Aufgabe, zielgerichtet und funktional. Natürlich haben nicht alle Männer eine solche Selbstwahrnehmung. Es gibt sie jedoch, und wenn diese Menschen dann wegen psychischen Problemen Hilfe suchen, kann eine solche Einstellung natürlich ein Behandlungshindernis darstellen. Heutige Ärzte und Therapeuten stehen häufig vor der Herausforderung, ihre männlichen Klienten von diesem „mechanischen“ Körperbild weg und hin zur Wahrnehmung der eigenen Emotionen zu leiten. Dabei träumten gerade Mediziner lange Zeit vom „Maschinenmann“ – und behandelten Männer dementsprechend. Schon um 1600 betrachteten Ärzte, inspiriert von dem Philosophen Rene Descartes, den Menschen mitsamt seinen Gefühlen als eine Art kompliziertes Uhrwerk. Spätestens mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert wurden Männer selbst Bestandteil einer Maschinerie – nämlich die der großen Fabriken und Werkstätten. Ärzte behandelten die Leiden ihrer männlichen Patienten dementsprechend und zwar nicht bloß die körperlichen, sondern auch die seelischen. Wer psychiatrische Krankenakten aus der Zeit vor der Durchsetzung der Psychosomatik liest (in Westdeutschland ca. vor 1970), der bekommt einen Eindruck davon, wie sehr Mediziner damals in Begriffen des maschinenhaften dachten und therapierten.

Ein Fallbeispiel:* Der Maurer Hermann Dietz kam im Januar 1953 zur Behandlung und Begutachtung („Kriegsentschädigtenrente“) in eine psychiatrische Universitätsklinik in Westdeutschland. Aus seiner Anamnese lässt sich viel über seinen Werdegang erfahren. Im Zweiten Weltkrieg war er wiederholt knapp mit dem Leben davongekommen („1941 Steckschuss im Genick, 1943 Verwundung durch Granate, insgesamt 6 Granatsplitter im Körper“). Nach Kriegsende war er in russische Gefangenschaft geraten („Wir mussten Hundefleisch essen“); von seiner Familie lebten nur noch wenige, als er heimkam. Hermann Dietz weinte, als er diese Erlebnisse dem Assistenzarzt X berichtete. In der Akte liest sich dies folgendermaßen: „Affektinkontinenz, femininer Habitus.“ Nach dem Krieg, fuhr Hermann Dietz fort, hatte er wieder einige Jahre in seinem Beruf als Maurer gearbeitet. Dann fingen die Beschwerden an: „Schweißausbrüche, Erektionsstörungen, Lähmungserscheinungen in den Beinen, Herzrasen, Todesangst.“ Vor dem Einschlafen war es besonders schlimm, da kamen ihm wieder die Bilder aus dem Krieg. Wie seine Freunde gestorben waren vor seinen Augen, aber auch, wie er selbst getötet hatte. „Ich laufe seit zwei Jahren von Arzt zu Arzt, aber alle sagen mir, dass ich lüge, dass ich nichts habe.“ klagte er dem Dr. X. Der Psychiater gab sich durchaus Mühe, dem Patienten zu helfen, sogar eines der damals noch recht neuen Elektroenzephalogramm-Geräte stand ihm dafür zur Verfügung. Aber: „Kein auffälliger Befund.“ Also Diagnose: „Abnorme Persönlichkeit mit hysterischen Charakterzügen, Rentenneurose. Die Gewährung von Leistungen ist im Interesse des Patienten unbedingt zu vermeiden.“ Zum Abschied der Arztbrief an den Hausarzt: Keine Empfehlung für eine Psychotherapie/Psychosomatik. So etwas gab es damals zwar schon vereinzelt, galt jedoch unter vielen Ärzten als eine äußerst suspekte Angelegenheit. Gerade Psychiater und Psychosomatiker waren sich damals noch spinnefeind („Dieser Mitscherlich“, hörte man immer wieder verächtlich). Aber selbst wenn Dr. X an Psychosomatik geglaubt hätte, so hätte Hermann Dietz nichts davon gehabt. Die Kriegsentschädigung gab es nur für Beeinträchtigungen durch körperliche Verletzungen – also Hirnschäden. Welche Schraube war locker in der Maschine? Dabei kam es durchaus vor, dass Dr. X Patienten an Psychotherapeuten überwies: Das waren aber mehrheitlich wohlhabende Großstädter aus dem Bildungsbürgertum. Hermann Dietz dagegen hatte einen Volksschulabschluss, keinerlei Einkommen und wohnte zudem in Ostwestfalen. Erst 1967 wurde Psychotherapie Leistung der gesetzlichen Krankenkassen. Von einer flächendeckenden Versorgung war man noch weit entfernt. Kriegstraumata wie das von Hermann Dietz wurden in Deutschland sogar erst anerkannt, nachdem man in den USA angefangen hatte, geschädigte Vietnamveteranen zu behandeln. Lange Zeit ähnelte die Untersuchung von Männern mit seelischen Konflikten also eher einer „TÜV-Inspektion“. Heute kann einem das zwar immer noch passieren, aber es besteht immerhin von Seiten der Behandelnden in der Regel Einigkeit darüber, dass man Menschen wie Herrmann Dietz helfen kann.

* Das Fallbeispiel ist idealtypisch konstruiert. Alle Zitate sind den Quellen entnommen.