Arbeitsunfall2Manfred P. ist Anfang 40. Er arbeitet in Süddeutschland in der Automobilzulieferung. Er ist schon viel in seinem beruflichen Leben gereist und hatte früher auch als Angestellter viele Gestaltungsmöglichkeiten. Er trug immer schnell Verantwortung, hatte immer gute Ideen und war leistungsbewusst. Mit den Jahren wuchs die Firma, in der er tätig war, so sehr, dass sie von einem Konkurrenten aufgekauft wurde. Weitere Zusammenlagerungen folgten.
Die Geschäftsführung sah in P. auch vor dem Hintergrund der Umstrukturierungen eine Führungskraft mit großem Potenzial. Gerne wollte man ihn nach China entsenden. Doch dies schlug Manfred P. immer wieder aus. Er war zwar pflichtbewusst, schätze aber die räumliche Nähe zum Hauptstandort. P. merkte, dass es durchaus Nachteile hat, in einer großen Firma zu den geschätzten Führungskräften mit hohem Verantwortungsgefühl zu gehören: „Wer sich kompetent zeigt, bekommt immer noch mehr Aufgaben. Man kann schon sagen, sie werden einem richtiggehend „aufgedrückt“. Im Endeffekt bekommt nur ein kleiner Teil der Mitarbeiter, so etwas wie der innere Zirkel, vertrauenswürdige Aufgaben zugeteilt. Das sind dann immer dieselben, die die Arbeit machen, auch wenn sie bereits mehrere Projekte gleichzeitig verantworten. Die anderen, die ihre Rolle nicht so gut ausüben, werden geduldet und toleriert, rausgeschmissen wird ab einer gewissen Unternehmensgröße da keiner mehr.“
Allerdings kennt Manfred P. es auch nicht anders. Denn bereits sein Vater zeichnete ein überdurchschnittliches Pflichtgefühl in Bezug auf seine Arbeit aus. Hier stand häufig die Arbeit vor der Familie.
P. kennt durchaus Kollegen, die angesichts der Nachteile einer steilen Karriere gar nicht mehr so versessen auf den ganz großen Sprung vorwärts sind. Sie wissen, wie viel Selbstaufopferung daran hängt. Er selbst kannte diese Gegenwehr vor seinem Burnout jedoch nicht. Als er beispielsweise wieder ein großes Projekt aufgetragen bekam, hatte er als Ingenieur zwar Fachkompetenz im Bereich der Produktionsabläufe aber keinerlei Kompetenz in den juristischen Fragen und Verwaltung. Auf die Frage an seinen Chef, warum gerade er dieses Projekt verantworten solle, bekam er die Antwort: „Sie sind einfach unser Mann für so etwas!“
Trotz innerlicher Zweifel und leichter Panik nahm er das Projekt an. Sich immer wieder selbstmotivierend sagend: „Die Aufgabenstellung löst du! Du hast noch nie verloren oder aufgegeben!“ Schon in den nächsten Wochen merkte er, dass der Preis für seine Entscheidung hoch sein würde. Auch an Wochenenden schickte sein Chef ihm Projektunterlagen. Und P. las sich dann immer wieder viele Stunden durch das Material, statt wie geplant Freunde zu treffen. „So geht modernes Projektmanagement. Und so gehen moderne Manager mit ihren Leuten um“, sagt er rückblickend.
Das Projekt verlief, wie es angefangen hatte: Immer oberhalb der Schmerzgrenze. Im Verlauf hatte P. immer weniger Privatleben. Er ordnete alles dieser Arbeit unter. Die Aufgabe wurde immer komplizierter, aber für P. gab es kein Aufgeben. Auch nicht als die Schmerzen anfingen. Die Rückenbeschwerden wuchsen sich zum Bandscheibenvorfall aus. Doch P. machte weiter. Auch die massive Gewichtszunahme ließ ihn zwar aufmerken. Aber etwas zu verändern, kam ihm nicht in den Sinn. P.: „Ich war schon immer ein Stressesser.“
Rückblickend sieht P. klar, mit welchen Mitteln ihn das Unternehmen in der Leistungszange festhielt: „Die strengen Regeln für die Arbeitspflicht der Manager werden nie offen im Unternehmen kommuniziert. Aber es gibt ungeschriebene Regeln. Das Smartphone ist bis Samstagmittag an. Dann wieder ab Sonntagmittag, damit man am Montag gut vorbereitet ist. Das funktioniert wie eine „elektronische Fußfessel“. Man ist so gut wie immer mit der Arbeit verbunden. Ich muss mich immer fragen: Wie schnell reagiere ich auf Informationen und Anforderungen des Chefs? Tag oder Nacht ist eigentlich egal. Das große Unternehmen agiert immer in Echtzeit. Verzögerungen sind nicht akzeptabel. Dabei gilt die Projektarbeit letztlich nicht einmal als wirkliche Aufgabe, sondern wird als Zusatz zum normalen Job erwartet.“
Einige Monate hielt P. durch, kämpfte gegen Schmerzen, Müdigkeit und das Gefühl der Überforderung. Dann setzte der Bandscheibenvorfall seinem Tun ein Ende. Und es kam die Wende. Dieser massive Einschnitt mit Schmerzen und Empfindungsstörungen aufgrund der Nerveneinklemmung zeigte ihm seine Grenzen unmissverständlich auf. Heute sagt P.: „Positiver Stress ist für mich die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung. Negativer Stress ist für mich mittlerweile das Verschwimmen von Job und Privatleben, sowohl in zeitlicher als auch gedanklicher Natur. Mein größte Fehler war, sich persönlich verantwortlich für Lösungen von Detailfragen und Detailproblemstellungen zu fühlen und mich damit selbst zu quälen.“
Manfred P. geht es wie vielen Männern: Sie nehmen eine schwere Erkrankung im Sinne der „späten Selbstfindung“. Die emotionale Erschöpfung mit Schlaflosigkeit, Interessenlosigkeit und fehlender „Schwingungsfähigkeit“, die das Krankheitsgeschehen begleitet, ist den Männern dabei nicht bewusst. Die körperlichen Beschwerden werden als erstes wahrgenommen. Die emotionale Seite des Geschehens und damit der Kern seiner Erkrankung – der Burnout – wurde Manfred P. erst später in der Rehaklinik bewusst.
Der gesamte Wandlungsprozess brauchte bei Manfred P. über 3 Jahre: „Heute heißt Gesundheit für mich, nicht nur funktionieren können, sondern auch sich wohlfühlen dabei. Besser wohlfühlen dürfen. Ich konnte früher nie Nein sagen. Heute kann ich mich zwingen ‚Nein’ zu sagen, weil ich weiß, dass ich ‚Nein’ sagen muss, um mir selbst einen Schutz zu bieten.“
P. hat dabei auch gemerkt: „Es hat nie jemand zu mir gesagt, dass ich 14 Stunden am Tag zu arbeiten habe. Das habe ich mir letztlich selbst vorgeschrieben, weil es nötig war, um gesetzte Ziele zu erreichen. Letztlich geht es für mich also darum, meiner Selbstwahrnehmung zu vertrauen und einen eigenen Willen zu formulieren.“
Mehr zum „Mann und seinen Unfällen“ lesen sie im Buch. Wie immer wünsche ich Ihnen eine gesundheitliche Woche.