wood chair
So seit längerem Mal wieder ein Buchinterview. Diesmal war ich bei der Bremer Polizei, besser gesagt bei Axel Petermann. Er ist Anfang 60, langjähriger Mitarbeiter der Mordkommission und mittlerweile Leiter der Abteilung „Operative Fallanalyse“ (sprich neudeutsch: er ist Profiler). Zusätzlich berät Axel Petermann den hessischen und den Bremer ARD Tatort. Er ist Buchautor und steht kurz vor der Pensionierung. Da ich nicht weit weg vom Polizeipräsidium wohne, war das Interview schnell vereinbart.
Mein Ansatz dieses Gespräches lag in der Idee, dass Kriminalbeamte aufgrund der primär männlichen „Kundschaft“ eine langjährige Erfahrung in der Gesprächsführung mitbringen. Auf meine sehr allgemeine Frage „Wie sprechen Sie mit Männern?“ musste Axel Petermann erst einmal lachen. So allgemein könne man das nicht sehen. Was für ein Wunder. Es komme für ihn auf die Situation an. Sei der Mann gegenüber verdächtigt, Zeuge oder Opfer.
Durch diese doch etwas oberflächliche Anfangsfrage kamen wir aber trotzdem dahingehend ins Gespräch, dass Axel Petermann mir erklärte aus welcher Blickrichtung er jeden einzelnen Mann ansieht. Bevor er in ein Gespräch ginge, müsse er im Vorfeld möglichst viele Informationen über diesen Mann erhalten. Er müsse ihn verstehen lernen, die Ursprünge für sein Verhalten analysieren. Nur dann könne er mit diesem Mann sprechen. Für ein „erfolgreiches“ Gespräch/Verhör wäre eine absolut wertneutrale Haltung wichtig. Man dürfe eine mögliche Tatverdächtigung und offenkundige Abscheu dem Verbrechen gegenüber niemals durchblicken lassen.
Ein Gespräch von Mann zu Mann, in dem der eine versuche Vertrauen aufzubauen, der andere genau wisse, dass er, wenn er darauf eingehen sollte, zwar von der Tat erleichtert würde, somit einen Mitwisser bekommen würde, aber anschließend länger die Freiheit verlieren würde, wäre immer schwer. Um dies aufzulösen, würde Axel Petermann lange mit dem Verdächtigen sprechen, teilweise Stunden und Tage. In diesen Gesprächen würde es auch um die Zeit nach der Strafe gehen. Die Tötung eines Menschen sei in den seltensten Fällen eine geplante Tat.
In unserem Gespräch versuchte ich Parallelen zu der Männerarbeit bzw. -gesundheitsförderung zu ziehen. In Anlehnung an den schon häufiger zitierten Männerpsychotherapeuten Björn Süfke (siehe „Der MännerTherapeut“) glaube ich auch, dass männliches Abwehr- oder besser „Stressabbauverhalten“ externalisiert und internalisiert sein kann. Externalisiert bedeutet eigentlich, gewalttätiges Verhalten anderen gegenüber zu zeigen. Internalisiert kann vieles sein: Exzessives Rauchen, Trinken, übergewichtig sein, sich gehen lassen, nicht mehr bewegen, zusammengefasst risikohaftes Gesundheitsverhalten an sich.
Von daher können wir auch diese Parallelen zu unterschiedlichsten Disziplinen ziehen. Und wenn wir Axel Petermann als Fallanlytiker zuhören und von ihm lernen wollen, sollten wir bevor wir, bevor wir allgemeine Gesundheitsratschläge geben, die unterschiedlichen anzusprechenden Männer erst einmal besser verstehen. Warum handeln sie so? Ist das Zufall? Ist da etwas in der Vorgeschichte passiert? Etwas noch nicht Verarbeitetes? Was hat das Leben mit diesen Männern gemacht? Erst wenn wir da „mitreden“ können, können wir auch einen besseren Zugang erwarten.
Als ich Axel Petermann gegenüber sass, meinte ich nur: „Sie sind auch nicht so der typische Bulle, oder?“ Er wirkt im Gespräch versiert aber eher weich. Er erfüllt damit nicht das starke Bild eines Polizisten. Sie wissen was ich meine. Trotzdem ist er ein Mann. Vielleicht ist das auch nicht unwichtig, als Mann nicht allzu überstark dem anderen Mann gegenüber zu sitzen und durch die anwesende Präsens zu erdrücken.
Abschließend möchte ich noch von einer interessanten Wahrnehmung Axel Petermanns berichten. Es sei ihm in all den Jahren aufgefallen, das Verdächtige (auch im offiziellen Status des Verdächtigen) Anschuldigungen bestreiten würden und dann eigentlich gehen können. Das wäre ihr gutes Recht. Viele, die jedoch doch etwas mit der Tat zu tun hätten, bleiben dann noch sitzen und verstricken sich in weitere Erklärungen. Sie würden häufig rumdiskutieren, warum gerade sie hier nicht sitzen sollten. Das sei für den erfahrenen Kriminalbeamten dann immer ein Hinweis darauf „Der hat doch etwas damit zu tun.“ Das heißt die Körpersprache sagt etwas anderes als die verbale Äußerung.
Wenn ich das jetzt mal auf die Männergesundheitsförderung lege, glaube ich, dass uns das auch tagtäglich passiert. Das heißt, es ist schon davon auszugehen, dass wir einen gewissen Nerv beim von uns angesprochenen „Mann“ treffen. Der wird wiederum jedoch eher dies massiv verneinen und initial einen dummen Spruch bringen (und der kann vom einfachen wie auch vom hoch intelektuellen Mann kommen, das ist egal). Interessanterweise bleibt derjenige aber dann doch im Gespräch. Alle dort gesandten Nachrichten werden aufgenommen und ich möchte ihnen hier Mut machen: Etwas bleibt auch hängen.
Zurück zu Axel Petermann, der Tatverdächtige, in dem etwas tief Verborgenes liegt, kann häufig nicht so gut pokern und alles hinterm Berg halten. Unsere Männer aus dem betrieblichen oder ärztlichen Alltag sind zwar absolut keine Tatverdächtigen, sie tun sich aber häufig mit ihrem eigenen Gesundheitsverhalten etwas an und das hat nicht selten tiefliegende Gründe. Also sprechen sie weiter die Männer an, nehmen sie die „dummen“ Sprüche auf, kontern sie, und wenn derjenige doch ablehnend im Gespräch mit ihnen bleibt, ist das ein gutes Zeichen. Geben sie sich und dem Mann Zeit, so wie Axel Petermann. Ich wünsche Ihnen eine gesundheitliche Woche.

Schauen Sie mal unter http://de.wikipedia.org/wiki/Axel_Petermann.