Close up of champagne cork.
Gestern Nacht hatte ich seit langem mal wieder kassenärztlichen Notdienst. Nur offiziell vorab. Diese Patientengeschichte, die ich hier heute erzählen werde ist so passiert. Das darf ich aufgrund meiner ärztlichen Schweigepflicht eigentlich nicht. Ich habe jedoch im Beisein der Tochter den Patienten offiziell befragt und mir die Genehmigung dieser Geschichte eingeholt.
Nun aber zur Geschichte. Ich wurde zu einem hundertjährigen Mann gerufen, der einen Schwächeanfall erlitten haben sollte. Vor Ort zeigte sich ein reger Mann, der auf mich wie ein 85jähriger rüstiger Pensionär wirkte. Das Ereignis wurde von der Tochter beschrieben und hörte sich für mich wie ein kurzzeitiger Schwächeanfall an. Das kann manchmal auch ein leichter flüchtiger Schlaganfall sein. Da die Symptome nur sehr kurzweilig waren, die aktuellen Blutdruckwerte, der Puls und der neurologische Status unauffällig wirkten, kamen wir ins Gespräch. Es wurde ein sehr angeregtes Gespräch. Da die Tochter ihren Vater selten schwach erlebt hat, war sie natürlich sofort aufgeschreckt. Da wir beide nun ihren Vater bei guter Gesundheit sahen und ein Gespräch führten, war sie etwas beruhigter.
Dieser Mann ist für mich die gelebte Männergesundheit. Deswegen möchte ich heute von ihm erzählen. Gleich zu Anfang berichtete er, dass tags zuvor sein bester Freund verstorben sei. Es seien schon viele Menschen aus seinem Umfeld gegangen. Aber dieser Mann war ein guter Freund. Der Freund mit den Kräutern, die ihm all die Jahre immer gut geholfen hätten. Der Freund war der Sohn eines Mannes, der im 1. Weltkrieg mit dem Vater des Hundertjährigen zusammen gekämpft und überlebt hätte. Seitdem hätte diese Freundschaft, die eine weite Distanz Bremen-Schwarzwald aushalten hätte, bestanden. Die beiden Männer hatten sich seit 10 Jahren nicht mehr leiblich sehen können. Der Telefonkontakt hätte aber weiter rege bestanden.
Auf meine Frage, ob der Mann darüber geweint hätte, sagte er nur: „Nein ich war sehr traurig.“ Als er das sagte, wurden seine Augen doch feucht. Ob solch ein Ereignis tags später einen Schwächeanfall oder leichten Schlaganfall auslösen könnte, möchte ich hier nicht abschließend beurteilen. Da die Tochter des Hundertjährigen aber gleich noch abends aus einer Nachbarstadt angereist war, um auch den Arzt dazu zu sehen, sagte mir dieser Zustand schon so einiges aus.
Ich habe ja hier schon einmal von dem Gesundheitsfaktor Ehefrau gesprochen. Im Falle von älteren Männern, die manchmal schon ihre Frau überlebt haben, sind die Töchter nicht selten auch eine Art von Gesundheitsfaktor.
Dieser Mann sagte gleich selber von sich: „Ich bin übrigens kein Arztgänger. Und ich habe so einige Ärzte überlebt.“ Die Kräuter des Freundes hätten ihm immer gut geholfen. Sei es für das Halskratzen, die Hämorrhoiden oder die offenen Stellen am Bein.
Auf seine Frage „Wo haben Sie denn Ihre Praxis?“ erklärte ich ihm meinen etwas anderen Arztjob mit dem Themenschwerpunkt Männergesundheit. Das nahm er als Anlass mehr über sich zu erzählen. Bei solch einem Angebot konnte ich natürlich nicht nein sagen. Er erzählte von den Kriegszeiten, 1. Weltkrieg als Kind und 2. Weltkrieg als verwundeter Soldat mit einem Gesichtsschuss und noch bestehender leichter Kiefersperre. Diese Geschichten kenne ich schon, diesmal war das aber etwas anders. Früher hab ich mich nie mit dem Thema der Männergesundheit beschäftigt und auch nie hinterfragt, warum immer all diese Geschichten kommen. Die „über“lebte Traumatisierung können und wollen wir uns wahrscheinlich gar nicht vorstellen. Der Hundertjährige sagte, dass er völlig unbeholfen in den Krieg gezogen sei. Dort wäre er das erste Mal mit dem Tod konfrontiert worden, als ein Kamarad neben ihm im Feld verwundet und gestorben sei. Der gute Freund aus dem Süden, der tags zuvor verstorben war, wäre aufgrund der langen Männerfreundschaft etwas anderes. Das hätte ihn wirklich getroffen. Wenn man dreistellig alt geworden ist, wird man sich ganz sicher schon einmal mit dem Tod auseinander gesetzt haben. Warum hat ihn nun dieser Tod so getroffen? Ich glaube, die immer heilenden Kräuter spielen eine Rolle. Der Freund war sein Behandler, wahrscheinlich seitens der Kräuter körperlich und seitens des Gespräches seelisch.
Im weiteren Gespräch stellte ich dann noch eine Frage: „Fühlt man sich als Hundertjähriger hundjährig?“ Er antwortete mit einem schönen Spruch.

„Ein Mann ist so alt wie er sich fühlt. Ein Frau ist so alt wie sie sich anfühlt.“

Der Spruch mag ein Machospruch sein, von einem Hundertjährigen finde ich ihn aber weise. Außerdem sagte er, dass die Zeitempfindung im Alter sich stark verändere. Man fühle sich fast wie wieder zur Kinderzeiten. Fünf Lebensjahre wären in diesem Alter eine sehr lange Zeitspanne.
Wir sprachen weiter über seine Männergesundheit. Sein Geheimrezept wäre die Bewegung, die hielte ihn fit. Er würde morgens aufstehen und täglich seine Freiübungen durchführen. Der Tag bestünde aus Bewegung und abends gäbe ein Glas Wein, vielleicht auch zwei. Als er das ausgesproche hatte, sprang er auf und holte eine Flasche aus einem Nachbarraum. Auch das kenne ich von Hausbesuchen. Häufig mag ich die Flaschen nicht annehmen, hier war es mir aber eine Ehre. Der moderate Rotweinkonsum als Gesunderhaltungsmaßnahme ist schon länger bekannt. Für mich ist dieser Mann ein Beweis für gelebte Männergesundheit. Er hatte eine langjährige Männerfreundschaft, er hat trotz viel traumatisierten Erlebtem nie seinen Humor verloren, er bewegt sich weiterhin viel, bleibt dadurch geistig rege, ist kein Arztgänger und lässt sich sein Glas Rotwein nicht madig machen. Schön mit diesem Mann gesprochen haben zu dürfen. Ich nehme ihn als Korken meiner Flasche Wein mit vielen Facetten mit nach Hause. Ich muss nur noch selten über eine rührende Geschichte eine Träne vergießen, hier war das aber so, als ich am Folgetag nach Hause fuhr.
Wie immer wünsche ich Ihnen eine gesundheitliche Woche.