Red carpet
„Man duzt niemals seine Patienten“ – habe ich einmal gelernt. Warum eigentlich nicht? Wer sagt das? Und hat das vielleicht mit der Angst zu tun, die so wichtige fachliche Distanz zu verlieren? Ganz sicher bin ich da nicht mehr.
Ich kenne einen Hausarzt, der im Speckgürtel von Bremen dies schon seit Jahren praktiziert. Und wie ich glaube mit Erfolg. Durch eine Praxishospitation dort und Patienten, die ich seit Jahren immer wieder mal im Notdienst sehe, sehe ich die Effekte. Es ist eine nicht ganz übliche Arzt-Patienten-Kommunikation, die aber Vertraulichkeit erzeugt. Die Patienten gehen genau wegen dieser persönlichen Ansprache dort hin. Es ist halt nicht immer die absolute Leitlienen getreue Arbeitsweise, nicht der Professortitel oder die tollen Geräte – sondern es ist die persönliche Ansprache. Da sitzt mal jemand gegenüber, der einfach normal ist und sich auf eine Stufe mit seinem Gegenüber stellt.
Ich habe im Jahre 2013 Vorgesetztenschulungen zum Thema „Gesundes Führen“ durchgeführt und dabei immer nach dem „Arzt des Vertrauens“ gefragt. In diesen Schulungen waren über 90% Männer, insgesamt über 500 Vorgesetzte. Die häufigsten Antworten waren: als Patient ausreichend Zeit zu erhalten, Fachlichkeit, ein gutes Zeitmanagement ohne Warten und die persönliche Ansprache ohne Standesdünkel („Er soll einer wie du und ich sein.“). Das war keine repräsentative Umfrage. Es gibt aber schon einen gewissen Eindruck – aber auch keine wesentlichen Überraschungen.
Da ich als ehemaliger Werksarzt des Bremer Stahlwerkes und noch immer tätiger „Männergesundheitsförderer“ mit Männern rede und arbeite, erlebe ich nicht selten das „Du“. Da es auf der „Hütte“ häufig üblich ist sich zu Duzen, kommt das natürlich auch im Kontakt zum Arzt vor. Ich duze nicht allzu viele Männer. Ich erlebe es aber immer wieder und zunehmend mehr, dass Männer im Behandlungskontakt, na besser gesagt in der Gesundheitsförderung geduzt werden wollen. Ich frage mich immer wieder: Warum ist das so? Und soll ich das zulassen?
Der schon hier zitierte MännerTherapeut Björn Süfke reagiert darauf sehr allergisch. „Ich wusste gar nicht, dass wir uns schon so gut kennen.“ sagt er dann, wenn es dazu kommen sollte. Er beschreibt das Duzen eher als männliches Abwehrverhalten, welches unbewusst bewusst vom gegenüber eingesetzt wird, um den Therapeuten zu beeinflussen. Ich weiß nicht, ob das so ist. Mittlerweile lasse ich es zunehmend mehr zu. Immer im starken Bewusstsein, das dies meine Arzt-Patienten-Beziehung beeinflussen könnte. Ich teile dies auch dem Patienten mit und versuche mich damit etwas abzusichern.
Ich habe dabei das teilweise zu verfrühte Duzen mit dem eigenen Chef eher als hinderlich erlebt, als das Duzen von Patienten. Ich glaube auch, bei einer gewissen nach außen hin stark wirkenden „Männerschicht“ kann das Duzen vom Arzt helfen. Störende Abwehrmechanismen des Mannes können so therapeutisch umgewandelt werden. Man nutzt sozusagen das Duzen als Instrument des Männergesundheitsgespräches.
Vor kurzen traf ich eine Kollegin, die mir bei diesem Thema nur sagte: „Die Seele kennt kein Sie.“ Manche Männer kommen kaum aus ihrem unbewussten Abwehrverhalten heraus und können sich vielleicht etwas besser mit einem persönlichen Du des Arztes fallen lassen, Gesundheitsaspekte besser verstehen und therapeutische Empfehlungen eher annehmen.
Ich habe meine Joblaufbahn im Krankenhaus in Flensburg begonnen. Durch den dänischen Einfluss fällt hier viel häufiger das Du. Ein ehemaliger chirurgischer Oberarzt von mir hat das gerne bei älteren ängstlichen Patienten eingesetzt und wirkte dadurch immer sehr viel authentischer und näher dran. Er saß dabei auf dem Bett, hielt nicht selten die Hand und duzte. Für mich war das vor 8 Jahren erst einmal komisch. Durch den oben beschriebenen Hausarzt fühlte ich mich aber daran erinnert und bestärkt, es genauso zu „tun“. So lange es mir bewusst bleibt, ich nicht die therapeutische Distanz verliere, meine Meinung weiter äußern kann und wir keine Freundschaft beginnen, kann meiner Meinung nach nicht allzu viel passieren. Ich glaube auch, das Ikea nicht nur zufällig das „Du“ in seiner kompletten Kommunikation nutzt. Es ist dabei nicht nur so eine skandinavische Sache. Werbefachleute werden schon genau wissen, was sie da empfehlen. Als schönes Bespiel finde ich auch immer das „Du, Herr Lehmann“ aus dem Buch von Sven Regener. Vielleicht beschreibt es genau das, was bei Männern helfen könnte, Distanzen und unbewusste Abwehrmechanismen abzubauen.
Wie immer wünsche ich Ihnen eine gesundheitliche Woche.