Vor kurzem sah ich Henning Scherf bei einem Vortrag über Alltagsbewegung und seinen (Fahrrad)Weg. Herr Scherf ist der ehemalige Bürgermeister der Stadt, in der ich aktuell lebe, Bremen. Da er auch noch im Aufsichtsrat einer mir bekannten Firma sitzt, habe ich einfach mal den Kontakt gesucht. Wir trafen uns an einem Freitagnachmittag im Bremer Rathaus, in einem edlen, alt ehrwürdigen Raum. Es gab Kaffee und Tee und Herr Scherf wirkte anfangs etwas müde mit seinen 75 Lebensjahren. Ich war (natürlich) etwas aufgeregt und wir beiden kamen langsam ins Gespräch. Er wurde wacher und ich entspannter. Auf die Frage, wie er mit seiner Gesundheit in seinem Leben umgegangen sei, kam er relativ schnell auf seinen Vater, der immer auf seine Jungs humanistisch prägend eingewirkt hätte. Er hatte immer schon früh gehört, dass eine gute Haltung und ein Leben ohne Alkohol und Rauchen wichtig wären. Später in der Politik wäre es gar nicht so einfach gewesen ohne die Laster Rauchen, Trinken und viel Essen auszukommen. Nach seinen Aussagen wäre er da anfangs mit seinem Verzicht eher alleine mit gewesen. Über die Jahre, von den 80igern bis in die 2000er, hätte sich dann das Blatt gewendet. Das Markenzeichen von Herrn Scherf ist das Fahrrad. Man sieht ihn nicht selten durch die Stadt radeln, so wie du und ich. Er gab an, dass er eher ungern vor einem aus Bremen produzierten Auto posiert hätte sondern er dagegen lieber mit seinem Fahrrad aufgetreten wäre. Nicht das er etwas gegen den größten Arbeitgeber der Stadt gehabt hätte, aber er wollte da seinen Prinzipien treu bleiben. Sein Fahrrad hätte er in seinem Leben überall mit hingenommen und so seine Alltagsbeweglichkeit ständig umsetzen können. Er kam im Gespräch immer wieder auf seine väterliche Erziehung, welche ich hierbei als wesentlich für diese Grundeinstellungen erachte. Es kann wahrscheinlich nicht erwartet werden, dass jeder so sein Leben führt. Aber die männliche, wertschätzende Erziehung des „Jungen“ hat hier nicht unwesentlich zu einer lebenlangen Umsetzung geführt. Bei Herrn Scherf interessierte mich ein weiterer Aspekt seines Männerlebens, der Umgang mit Stress. Ein Politiker seiner Couleur muss belastende Lebensphasen gehabt haben, bestimmt. Sein Umgang damit beschrieb er so: das wichtigste sei seine Rückzugsmöglichkeit in der Ehe und seinen Wohngemeinschaft gewesen. Der Rückzug bei Stress, sich einsam auf die Couch zum Fernsehen zu setzen, wäre für ihn nie ein Weg gewesen. Er hätte immer das Gegenteil gemacht – von vielen „fremden“ hin zu seinen vertrauten Menschen – immer das Gespräch und die Erdung suchend. Er hätte immer zum Luft bekommen, mit normalen Menschen reden müssen. Was macht ein Henning Scherf nun heute mit 75? Nichts? Bestimmt nicht. Über 200 Vorträge deutschlandweit und verschiedene ehrenamtliche Tätigkeiten laufen da im Jahr an. Solch ein Mann kommt wahrscheinlich nie ganz zur Ruhe. Und das hält sicherlich gesund. Von daher ist das Fahrrad ein gutes Symbol für Henning Scherf – immer viel unterwegs und ein Rad, wird immer gedreht.