Heute ein komplettes Interview ohne Zusammenfassungen. Ich war im Gespräch mit dem ehemaligen leitenden Betriebsarzt der Kölner Stadtwerke und Miterfinder der Abnehmmethode „Schlank im Schlaf“. Viel Spass beim Lesen.

Wie haben Sie als Betriebsarzt Männer im Betrieb gesehen?
Aus mehreren Perspektiven und Kontaktsituationen:
a. als betriebsärztlicher „Hausarzt“
b. als Arbeitsmediziner
c. als Präventionsmediziner
Psychologisch gesehen kommunizieren in jedem Beratungsgespräch anlassbezogen 2 individuelle männliche Persönlichkeiten mit entsprechendem Hintergrund, Motiven und Interessen. Mann trifft auf Mann.
Es gilt als Arzt die jeweilige Situation und die Interaktionen im Gespräch wahrzunehmen und professionell zu kommunizieren.
Grundhaltung ist ein positives Menschenbild. Das eigene Männerbild läuft im Hintergrund mit.

Was waren Ihre Rezepte, Männer in Fragen der Gesundheit zu erreichen?
Als Betriebsarzt steht man in einer exponierten Position und hat sich in Bezug auf die 3 oben genannten Rollen entsprechend seines Auftretens, Engagements und seiner Persönlichkeit im Laufe der Zeit einen „betrieblichen Ruf“ bzw. Kompetenzvertrauen erworben. Dieser entsteht durch persönliche Kontakte, Auftritte in der Betriebsöffentlichkeit, als auch durch die „Flüsterpropaganda“ von Mitarbeiter zu Mitarbeiter. Für alle BGF-Maßnahmen und deren Verantwortliche gilt: „Man muss es dürfen, man muss es wollen und man muss es können“. Letzteres ist die Kompetenz des Betriebsarztes zu Präventionsthemen und Männergesundheit, die man durch Fortbildungen (Ernährungsmedizin, Sportmedizin, psychologisches Basiswissen…) erwerben muss, da man betrieblich oft nur im Focus arbeitsmedizinischer Fragestellungen wahrgenommen wird. Alle betriebsärztlichen BGF-Aktivitäten, sollten von den betrieblichen Entscheidungsträgern (Unternehmensleitung, Führungskräfte, Betriebsräte) unterstützt werden. Auch bei diesen Entscheidungs- bzw. Mitentscheidungsgremien muss man kompetent für Männergesundheit bei Führungskräfte- und Betriebsrats-Schulungen werben. Sind diese Gremien zur Unterstützung bereit, besteht die Möglichkeit, Themen zur Gesundheit in der betrieblichen Öffentlichkeit z.B. auf Betriebsversammlungen zu platzieren, BGF-Maßnahmen dort zu bewerben und als Teil einer nachhaltigen Unternehmenskultur zur Mitarbeitergesundheit darzustellen. Aus dieser Präventionsarbeit in kleinen Schritten (Seminare, Führungs-kräfteschulungen…) sind in Kooperation mit kompetenten Fachleuten bei den Kölner Stadtwerken Präventionsbücher entstanden, die sich zu Bestsellern auf dem Buchmarkt entwickelt haben. Die Bücher („Schlank im Schlaf“- Reihe, Buchveröffentlichungen im Deutschen Ärzteverlag) sind zur gesundheitlichen Selbstgestaltung an alle Mitarbeiter/innen kostenlos verteilt worden. Somit ist im Laufe der Zeit betriebsärztliche Inhouse-Kompetenz und Glaubwürdigkeit entstanden, was sich auch in den positiven Ergebnissen von Mitarbeiterbefragungen zur BGF niederschlug. Nach diesen „Vorarbeiten“ waren dann weitere betriebliche Gesundheits-maßnahmen und Aktionen auch zur Männergesundheit (wie z.B. Raucherentwöhnung, Prostata- und Dickdarmvorsorge…) leicht und mit großer Beteiligung umzusetzen. Wenn die Flüsterpropaganda kommuniziert: „Zu dem Arzt kann man hingehen, der hat Ahnung!“, ist viel erreicht.

Wie sollte ein sinnvolles „Männergesundheitsgespräch“ aussehen?
Wichtig für eine motivierende Gesprächsführung ist,
– achtsam darauf zu hören, was der andere will und nicht will
(Widerstände sind zu achten),
– ihn seinen eigenen Weg, Rhythmus und Geschwindigkeit in der Umsetzung
finden lassen und gewähren.
– „Frohmedizin“ kommunizieren – Wenn Sie mögen, können Sie etwas
erfolgreich verändern. Ich helfe Ihnen dabei.
– statt „Drohmedizin“ – Wenn Sie das und jenes nicht tun, wird das und das
passieren.

Gibt es für Sie geschlechtsspezifische Unterschiede beim Thema Ernährung? Im Schulungszugang/setting?
Es gibt nicht „den“ typischen Mann im Unternehmen sondern es gibt unter den männlichen Mitarbeitern (z.B. Verwaltung, Produktion) unterschiedliche Einstellungen zu den Themen Gesundheit und Prävention sowie zum Thema Ernährung. Diese Einstellungen sind durch eine nachhaltige Gesundheits-edukation und BGF-Maßnahmen beeinflussbar. Das männliche Ernährungsverhalten wird von Herkunftsfamilie, Kultur, eigener Erfahrung, Lebenssituation (Single, Partnerschaft, Familie) als auch von dem jeweiligen Angebot der Betriebsverpflegung geprägt. Der ernährungsmedizinisch versierte Betriebsarzt hat auf der Basis eines betrieblichen Konsenses Einflussmöglichkeiten auf die (mitbestimmungs-pflichtige) Gestaltung der Betriebsverpflegung. Männer haben bekanntermaßen andere Geschmackspräferenzen als Frauen. Sie haben in der Regel ein größeres Bedürfnis nach einer fleischbetonten und fettreichen Ernährung begleitet von Alkoholkonsum, während Frauen eher offen für eine vegetarische Ernährung sind und vermehrt zu Süßigkeiten und zum Verzehr von fettem Käse neigen. Dies gilt es bei Ernährungsempfehlungen zu berücksichtigen und nach gangbaren Wegen in der persönlichen Ernährungsberatung zu suchen. Ein Zugangsschlüssel zum Thema Ernährungsumstellung bei übergewichtigen Männern ist das Thema sexuelle Funktionsstörungen. In einer vertrauensvollen Gesprächssituation kann das heikle Thema „unter Männern“ leichter angesprochen werden und sich daraus die Motivation für eine Gewichtsabnahme ergeben. In der Regel sind Frauen aufgeschlossener für Ernährungsthemen als Männer. Es gibt jedoch Ausnahmen auf beiden Seiten. So sind zum Beispiel Männer, die regelmäßig Sport treiben, Ernährungsthemen gegenüber sehr aufgeschlossen. Für Mitarbeiter, bei denen dieses Interesse weniger vorhanden aber umso notweniger wäre, haben wir in der Beratung einen kleinen Trick angewendet. Wir laden grundsätzlich auch die Lebenspartner/innen zur kostenlosen Teilnahme an Ernährungsseminaren ein. Je nach sozialer Ernährungssituation ist es hilfreich, die Lebenspartnerin als „Verstärker“ und „Controller“ in Ernährungsschulungen mit einzubeziehen, da die Empfehlungen für eine „gesunde“ Ernährung auch häuslich (z.B. Haushalt mit Kindern) umgesetzt werden müssen. Ernährungswissen und -praxis ist bei den Partnerinnen i. d. R. ausgeprägter vorhanden. „Du sollst“-Ernährungsempfehlungen, die von den gewohnten Ernährungs-formen und Überzeugungen abweichen, werden von Männern oft als Angriff auf das hoheitliche Territorium der Selbstbestimmung empfunden. Nur stichhaltige und überzeugende Argumente oder tragische gesundheitliche Ereignisse (z.B. Herzinfarkt), Schockdiagnosen oder -befunde (z.B. Diabetes, Arterienverkalkungen im Ultraschall…) können hier zu einer dauerhaften Verhaltensänderung führen.

4 Anregungen für unsere Werkzeugkiste? Was ist wichtig in der Arbeit mit Männern? So was wie: Wertschätzung, Humor, liebevolle Konfrontation, etc.
Neben den bereits in der Frage aufgeführten Grundeinstellungen sind folgende Voraussetzungen hilfreich für eine gelungene Gesprächsführung:
1. Ausstieg aus der Arzt-Rolle und Begegnung von „Mann zu Mann“.
2. Situations- und personengerechte Offenheit, Transparenz und Zulassen von
Nähe zum Aufbau einer tragenden vertrauensvollen Beratungsbeziehung.
3. Offerieren von Freiheit für eigenverantwortliche Entscheidungen in Bezug
auf das Gesundheitsverhalten, auch gegen ärztlichen Rat.
4. Freie innere Haltung: Als Arzt bin ich nur dafür verantwortlich, den
Mitarbeiter für sich und seine Gesundheit verantwortlich zu machen.
Damit werden Verfolger-Opfer-Retter-Rollenspiele vermieden und alle
Beteiligten fühlen sich OK.

Was machen Sie persönlich als Mann für Ihre Gesundheit? Haben Sie einen guten Tipp?
Ganzheitliche Gesundheit beinhaltet bekanntermaßen viele Aspekte des menschlichen Seins und Tuns. Der gesunde Mix macht es also aus. Als Ruheständler haben sich berufliche Stressbelastungen auf den Nullpunkt reduziert. Neben den Klassikern gesunde Ernährung, Bewegung (Wandern, Fahrradfahren, Gartenarbeit) und einer gesunden partnerschaftlichen Beziehung, stehen für mich Aktivitäten und Gespräche im männlichen Freundeskreis ganz oben auf der Prioritätenliste. Wenn Rheinländer zusammen sind, wir immer viel gelacht als Ausdruck der Lebensfreude und des Wohlergehens. Ein sozialmedizinisches Therapeutikum. Die Lebensphilosophie hierzu ist in dem Rheinischen Grundgesetz klar umschrieben.
Tipp: Freundschaften rechtzeitig pflegen und füreinander da sein.