Vor einiger Zeit sah ich einen Patienten mit einer langen Narbe am rechten Ellenbogen. „Mensch, wie ist es denn das passiert?“ frage ich. „Ja Herr Doktor, das kann ich Ihnen auch gar nicht so genau sagen. Meine Frau hat mich am Wochenende angesprochen und ins Krankenhaus geschickt. Dort hat man mich gleich aufgenommen und tags danach operiert.“ – „Hatten Sie denn gar keine Schmerzen?“ – „Nein, nicht. Ich konnte das auch gar nicht sehen. Das liegt ja im toten Winkel von mir.“ – „Ah ja, im toten Winkel. Okay. Ist denn jetzt alles gut?“ – „Ja, keine Probleme.“ Nun warum erzähle ich das hier? Diese kurze Unterhaltung verdeutlicht einen Teil der männlichen Schmerzwahrnehmung. Dieser Mann hatte eine hoch entzündete Entzündung eines Schleimbeutels am Ellenbogen. Hat er das nicht gemerkt? Oder hat er das weggedrückt, unterbewusst? Auf Rückfrage ob er denn gar nichts bemerkt hätte, antwortete dieser Mann: „Na,… es hat schon etwas gezwickt, aber ich habe mir nichts dabei gedacht. Mein Gedanke war, das wird schon wieder weggehen. Meine Frau achtet da doch auf mich.“ Diese unbewusste Äußerung „Im toten Winkel von mir“ in Bezug auf Schmerz trifft es für mich auf den Punkt. Er kann es nicht „sehen“ oder auch vielleicht nicht „wahrnehmen“. Ein anderer Mann berichtete mir vor geraumer Zeit, dass er nur wisse wie es ihm gehe, wenn jemand von außen ihm das sagen würde. Unter dem Motto: „Mensch Du siehst ja schei.. aus!“ – „Ja, Du hast Recht, mir geht´s irgendwie auch schei…“ Das fand dieser Mann ganz normal – wie solle er das auch so von selbst immer alles wissen. Die Selbstfürsorge mit der einfachen Frage „Wie geht es mir?“ stellen sich nicht so viele Männer unbedingt. Wenn man aber Männer darauf anspricht, erzählen sie einem viel. Natürlich nur wenn man zuhören mag. Zurück zum toten Winkel. Zum einen würde wahrscheinlich niemals eine Frau so über eine nicht wahrgenommene Erkrankung sprechen. Das ist halt Männerkrankheitssprache. Zum anderen kennen wir diesen Winkel primär vom Autofahren, wo wir einen gewissen Teil nie voll im Seitenspiegel einsehen können. Um diesen dann doch wahrnehmen zu können, müssen wir über unsere Schulter schauen, um das Restrisiko einer Gefahrenquelle ausschließen zu können. Das sind nur wenige Grad die uns da fehlen und diese können manchmal entscheidend sein: Unfall ja oder Unfall nein. Deswegen passt dieses Beispiel sehr gut für diese gezeigte männliche Schmerzwahrnehmung (Und das gilt natürlich nicht für alle Männer, aber das muss ich wohl nicht extra immer betonen! Es gibt da auch ganz andere die ständig den „Schulterblick“ machen.) Wir wollen uns aber hier eher über die anderen unterhalten. Der Mann vom Anfang schaut zwar gedanklich in den Seitenspiegel kann aber „seinen“ toten Winkel nicht einsehen. Und die Fahrschulung mit dem regelmäßigen Schulterblick ist schon lange her, wenn überhaupt je gelernt. Kein Zugang – keine Wahrnehmung. Vielleicht schaffen wir es ja bei dem einen oder anderen, diesen virtuellen Schulterblick schmackhaft zu machen. Wenn das nicht klappen sollte, hilft es jedenfalls im Verstehen dieser Männer. Ansonsten kann man immer nur innerlich den Kopf schütteln und sagen: „Man ist der der unsensibel!“ und das lässt auf Dauer abstumpfen… und das hab´ ich selbst erlebt. In diesem Sinne: Auf unseren Schulterblick! Kommentieren Sie gerne.