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Heute mal kein Interviewbericht sondern eine Männergeschichte von „zu Hause“. Dieser Fall ist mir vor Jahren, natürlich leicht abgeändert, im kassenärztlichen Notdienst passiert. Ich bin seit mehreren Jahren da unterwegs und habe sicher einige Hundert Hausbesuche hinter mir. …man lernt nicht nur am Arbeitsplatz etwas über Männer. Auch im häuslichen Umfeld zeigt sich einiges. Die Geschichte versucht anschaulich zu zeigen, wie manche Männer ihren Körper und ihre Themen wahrnehmen. Die vielleicht gleich empfundene Absurdität führt bei Ihnen evtl. zum Schmunzeln, wer weiß. Es steckt aber nicht selten mehr dahinter, meiner Meinung nach sehr männerspezifisch. Aber lesen Sie selbst und wieder das Angebot zum Kommentieren. Bringen Ihnen solche Geschichten etwas fürs Verstehen? Der Anruf geht weit nach Mitternacht in der kassenärtzlichen Notdienstzentrale ein. Ich liege im Bett, kann dann und wann schlafen und muss das Telefon über Nacht besetzen. Wenn eine Telefonberatung nicht ausreicht, fahre ich mit einem kleinen Auto zum Hausbesuch. Es klingelt. Eine Männer-Stimme sagt: „Ich glaub´, ich hab´ einen Schlaganfall, kommen Sie schnell!“ Meine erste Reaktion: „Wie kommen Sie darauf?“ Die klare und deutliche Stimme sagt: „Mein linker Mundwinkel hängt nach unten und meine Arme kribbeln!“ Ich fahre sofort los, biege in eine lange Straße ein und sehe bereits am Ende ein Haus, vor dem ein Mann mit einer Taschenlampe winkt. Es wirkt wie bei einem Lotsen eines Follow-Me-Autos auf dem Rollfeld. Ich parke und sehe den Mann nun genauer. Er ist in voller Bundeswehrsportmontur mit Parka gekleidet. „Sind Sie der Patient?“ – „Ja!“ – „Gut! Gehen wir rein?“ Wir gehen ins Haus. Ich sehe einen Mann der gerade gehen kann, Treppen steigt, immer den Schritt sicher, seine Sprache ist klar. Ein akuter Schlaganfall sieht für mich anders aus. In der Wohnung weist der Mann mich weiter ein, ich soll im Schlafzimmer warten. Ich sehe wie er sich sehr geordnet die Bundeswehrsachen auszieht, sich ins Bett legt und die Decke bis zum Kinn hochzieht. Er wirkt sehr angespannt, aber ein Schlaganfall sieht wirklich anders aus. Da ich erst nicht weiß, wie ich anfangen soll kommt mir eine Idee. Ich drehe den Spies mal um. „Stellen Sie sich bitte einmal vor, Sie wären ich und ich Sie. Ich würde Sie so einweisen und empfangen, wie Sie eben mich. Was würden Sie denken? Habe ich einen Schlaganfall?“ Sofort ruscht dem Mann ein klares „Nein!“ heraus. „Gut. Das denke ich auch. Und wenn wir das beide denken können, dann ist doch schon vielleicht etwas Spannung hier raus, oder?“ Ich untersuche ihn kurz und sage dann: „Stehen Sie doch jetzt mal auf, lassen Sie uns ins Wohnzimmer gehen und in Ruhe sprechen. Was ist denn passiert?“ Ich werde jetzt hier nicht das gesamte Gespräch wiedergeben. Kurz gefasst – seine Frau war vor kurzem verstorben und er hatte jetzt zu Hause eine Panikattacke mit Hyperventilation. Nach einem langen Gespräch wirkt er ruhig, deutlich entspannter. Ich erkläre ihm seine Körpererscheinung, das Kribbeln, die aufsteigende Panik. Mein Versuch liegt darin, ihm suffizient die Situation näher zu bringen. Ich sage: „Ihr Körper spricht mit Ihnen.“ Was ist jetzt hier männerspezifisch? Kann eine Frau nicht genauso reagieren. Na klar! Was an dieser Geschichte eher „männlich“ ist, ist das Wahrnehmen des eigenen Körpers und der Umgang mit der Situation. Die Symptome werden rasch als Schlaganfall gedeutet, dann der Notruf, das Anziehen, das Warten draußen auf der Straße. Was geht in seinem Kopf vor? Natürlich ist vieles durch die Panik überlagert, gar keine Frage. Aber das Absurde, welches meiner Meinung eher Männern passiert, ist: 1. Die Körpersymptome werden wahrgenommen – der Mann wird zum Patienten; 2. Die Symptome werden gedeutet – das muss ein Schlaganfall sein; 3. Abwarten – das wird schon wieder besser werden; 4. Es wird doch nicht von selber besser – der Notruf; 5. Logisches Umschalten vom Patienten zum handelnden Mann – Vorbereitung zur Ankunft des Nothelfers (Und die Adresse war wirklich nicht schwer zu finden!); 6. Einweisung des Nothelfers; 7. …zurück in die Patientenrolle und unter die Decke. Dieses Hin- und Herschalten (Mann-Patient-Mann-Patient) habe ich vorher und nachher noch nie bei einer Frau so erlebt. Nun bin ich keine lebende statistische Auswertung, nicht 75 Jahre alt und habe 100 Jahre Berufserfahrung. Ich kann nur aus meiner wahrnehmenden subjektiven Rolle erzählen – meine Erfahrungen decken sich aber mit denen der Männerliteratur. Die Behandlung, besser die Aufklärung dieser absurden „Schlaganfall-Geschichte“ lässt sich relativ leicht mit etwas Humor und gleichzeitig vorhandener Wertschätzung bewerkstelligen. Ob man nun die Arzt-Patienten-Beziehung einfach mal umdreht oder etwas anderes sagt, ist glaube ich egal. Der Mann fühlte sich aufgenommen, nicht verarsc… Sein gezeigtes Externalisieren (ein nach außen Beziehen seines inneren Konfliktes „Verlust und Einsamkeit“) konnte er aufnehmen und mit mir besprechen. Wie es diesem Mann heute geht weiß ich nicht. Ich weiß aber von anderen Patienten und den schon benannten Männertherapeuten, dass solch ein Impulsgespräch manchmal vor mehr körperlich empfundener Krankheit abhalten kann, es muss aber auch nicht. Wie immer an dieser Stelle bin ich auf Ihre „zahlreichen“ Kommentare gespannt. Nebenbei gesagt, ich wüsste so gerne, wer hier alles mitliest.